12/06/19

Er macht Kunst, weil er Fragen hat

Basim Magdy zeigt in Film, Fotografie und Installation, wie er über die Welt nachdenkt

von Isabel Zürcher

BM_drone.jpgBasim Magdy, Someone tried to look up Time (Everyone Had a Drone), 2018– ongoing, Installationsansicht, Courtesy the artist, © Basim Magdy

Wer seine Botschaft einem Tier in den Schnabel legt, kann manches direkter formulieren. Und verliert bei allen Fragen an die Ordnung dieser Welt nicht einmal den Charme. Kein Zweifel: Während Basim Magdy den Zustand der Gegenwart protokolliert, hält er an einer lustvollen Arbeitsweise fest. „Ein Pfau und ein Nilpferd geraten in eine existenzielle Debatte“, lautet der Titel seines neusten Films. Darin sind die Tiere im Zoo mit Technologie ausgerüstet. Sie kommunizieren per Textnachricht. Meerkatze, Lemur oder Nilpferd tauschen sich nicht zuletzt über Menschen aus – über uns, die wir da stehen in einer Black Box in der Kunsthalle Mulhouse, immer bereit, im Tier auch Menschliches und allzu Menschliches mit zu lesen. Wer hat da das Sagen?

Die Kunst des 1977 in Ägypten geborenen Basim Magdy gründet auf der Erfahrung, dass viele alltägliche Dinge nicht ohne Weiteres und schon gar nicht für alle einen schlüssigen Sinn ergeben. In „13 essential rules for understanding the world“ (2011) lassen gelbe und rote Tulpen ihre Köpfe hängen, während uns eine Stimme per Telefon Empfehlungen gibt für unser reibungsloses Durchkommen auf diesem Planeten: „Never let yourself fall asleep. You’ll dream…” oder „Never use logic. Abstract behaviour is the way of this world“. Der Erfinder solch absurder Restriktionen weiss: Jede Definition des Wirklichen hängt von der Perspektive ab. Längst haben die sozialen Medien und der anhaltende Zugriff auf Online-Informationen unser Verständnis des Realen erweitert. Die Zeiten absoluter Gewissheit sind vorbei, und auch der per Video dokumentierte Alltag hat Teil an Fiktion und Traum. Kein Grund zur Verzweiflung, findet Basim Magdy: „Ich mache Kunst, weil ich Fragen habe und das ist die beste Form, mit ihnen umzugehen. „So unterläuft sein Kombinieren von Partikeln der Wirklichkeit jede lineare, normierte Erzählung. Lückenhaft muss Wahrnehmung bleiben, von kulturellen Selbstverständnissen und individuellen Vorlieben gezeichnet. In „The Dent“ (2014) sieht man Flugaufnahmen, den Abriss eines Gebäudes oder eine Militär-Parade in Landschafts- und Tierbilder übergehen. Da wird ein Beobachter spürbar, der seine Motive spontan registriert, um sie nachträglich zu visuellen Essays zu verbinden.

bm_rules.jpgBasim Magdy, aus: 13 essential rules for understanding the world, 2011, Filmstill, Courtesy the artist, © Basim Magdy

In der Kunsthalle Mulhouse hat Magdy die Wände in einem vertikalen Farbverlauf gezeichnet. Die Palette von Violett bis Gelb lässt nicht zufällig an Sonnenauf- oder -untergänge denken. Das Kommen und Gehen der Tage hält am ehesten zusammen, was laufende Blickwechsel, den Sprung zwischen Medien und die Kombination von ganz unterschiedlichen Bildmotiven auseinandertreibt. „Someone tried to look up Time“ heisst die fortlaufende Fotoserie, die auszugsweise auf den bunten Wänden Magdys Filme ergänzt rahmt. Das ist geschickt gemacht: Die im Tageslicht gezeigten Bilder geben ebenso wenig wie das filmische Material ihre Herkunft preis und verstärken so den Eindruck, dass alles Erinnern und Erzählen auch andere Richtungen nehmen könnte.

Ihm ist wichtig, dass sein Schaffen auf unterschiedlichen Plattformen rezipiert werden kann: in Ausstellungsräumen, auf Filmfestivals sowie in sozialen Netzwerken findet es ein jeweils anderes Publikum: „Warum, wenn wir alle sowieso fast alles vom Bildschirm beziehen, die Kunst von dieser Möglichkeit ausschliessen?“. Nutzerfreundlich will sein Schaffen sein und auch dort Impulse geben, wo es leicht zugänglich sei. Wobei seine Webseite das Erlebnis der Ausstellung nicht konkurrenziert. Der Besuch in Mulhouse ist eine Einladung zu Teilhabe und – nicht zuletzt – zum Spiel. Ein mit skulpturalen Objekten bestückter Pingpong-Tisch unterwirft das Siegen und Verlieren besonderen Regeln: Vielleicht ist alles gar nicht berechenbar? Vielleicht wird hier ein Anfänger gegen einen Champion der Region gewinnen?


Basim Magdy: Un Paon et un Hippopotame se lancent dans un Débat Existentiel.

La Kunsthalle Mulhouse
16, Rue de la Fonderie, Mulhouse.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 14.00
bis 18.00 Uhr. Bis 25. August 2019




La Kunsthalle Mulhouse
Basim Magdy