12/06/19

Die Welt hinter der Benutzeroberfläche

Der Kunstverein Freiburg zeigt Arbeiten der New Yorker Künstlerin Violet Dennison

von Dietrich Roeschmann

KV-FR_VioletDennison_7529_web.jpgViolet Dennison, Chapter Four: Disappointment, 2019, Installationsansicht, Kunstverein Freiburg, Foto: Marc Doradzillo

Ja Ja Ja Ja Ja, Nee Nee Nee Nee Nee … Schwer zu sagen, ob die Künstlerin Violet Dennsion (*1989) das legendäre Hörstück kennt, in dem Joseph Beuys vor einem halben Jahrhundert gut gelaunt so etwas wie den Quellcode der unauflösbaren Dialektik des menschlichen Lebens performte. Ja – nein, plus – minus, entweder – oder, Eins – Null. Heute sind wir im alltäglichen Gebrauch an smarten Geräten geschult, die schon im Design ihrer Benutzeroberflächen per Menüführung klare Entscheidungen erzwingen, damit es weitergeht, und die kein „Weiß nicht” kennen und keinen Kompromiss. Deshalb fällt es uns mittlerweile schwer, Entwicklung oder Bewegung nicht in binären Codes zu denken – und noch schwerer zu erkennen, dass das ein Problem sein könnte.

Violet Dennison interessiert sich in ihrer Kunst für das wirklichkeitsbildende Potential solch verborgener Strukturen und für deren schwer kontrollierbare Eigendynamik. In ihrer Soloschau im Kunstverein Freiburg präsentiert die junge New Yorkerin drei große, schalenförmige Objekte. In die kupferne Gitterstruktur hat sie biegsame weiße Plastikrohre eingeflochten und die so entstandenen Volumen wiederum mit einem aus dünnen transparenten Gummischläuchen geknüpften Netz in Rosa oder Grünblau überspannt. Wie Satellitenschüsseln ruhen diese Objekte nun im Raum, unterfüttert vom technoiden Gezwitscher einer Soundarbeit, deren Hardware wie eine modernistische, abstrakt-florale Zeichnung aus Kabeln, Kupferplatten und iPhone-Lautsprechern über die Wände rankt. Oder sehen wir hier doch nur das stark vergrößerte Platinenlayout eines dieser elektronischen Klangmodule? Schwer zu entscheiden – aber warum auch? Es reicht, beide Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Schließlich geht es Dennsion in ihrer Arbeit zentral um die Infrastrukturen, die unseren Alltag prägen, und zwar – wie das lateinische Präfix infra anzeigt – unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle.

Einem solchen System verdanken sich auch die Knoten der Netze, die trotz ihrer nahezu identischen Erscheinung ein Alphabet von 24 unterschiedlich geknüpften Verbindungen ergeben, je nachdem ob ein Schlauch über oder unter den anderen geführt wurde. Die jeweilgen Knoten stehen für einzelne Buchstaben, die sich im Netz wiederum zu einem Text fügen, den Dennison einem ihrer Tagebücher entnommen hat. „Chapter Four: Disappointment”, zugleich Titel der Ausstellung, ist auf eine durchaus perfide Weise mehrdeutig, benennt er doch nicht nur die latente Enttäuschung, die es bedeutet, den Text, der möglicherweise seinerseits von einer Enttäuschung berichtet, ohne passenden Knotenschlüssel nicht decodieren zu können. Zugleich ist der Titel eine schöne Metapher für das, was Kunst bereithalten kann, wenn man sich ihr mit allzu klaren, vordefinierten Erwartungen an Schönheit, Sinn oder Eindeutigkeit nähert. Enttäuschung erzählt immer auch die Geschichte eines Missverständnisses.

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Violet Dennison, WhisperF33, 2019, Installationsansicht, Kunstverein Freiburg, Foto: Marc Doradzillo

Violet Dennison weiß das. Nicht zuletzt deshalb kreisen ihre Arbeiten immer wieder um die Verunsicherung vermeintlicher Gewissheiten. So hat sie auf der nahezu leergeräumten Galerie des Kunstvereins einen handelsüblichen Laser-Drucker platziert. Das Gerät steht zwischen den Besuchertoiletten ziemlich verloren auf dem gekachelten Boden und spuckt alle paar Sekunden ein neues DIN A4-Blatt mit den Metadaten aller Datenübertragungen aus dem hauseigenen WLAN aus – und damit auch die aller eingeloggten Gäste. In der digitalen Gegenwart, so machen die von „WhisperF33” produzierten Zeichenkolonnen sichtbar, gibt es keine leeren Räume mehr – und auch keine harmlosen Geräte, sofern sie mit dem Netz verbunden sind. Der bislang größte Zusammenbruch des Internets in den USA wurde im Herbst 2016 durch einen Hackerangriff auf smarte Haushaltsgeräte verursacht. Dennison diente dieser kurzzeitige Ausnahmezustand in der digitalen Parallelwirklichkeit ebenso als künstlerische Inspiration wie der Service, den spirituelle Medien wie die New Yorker Kabbala-Spezialistin und Tarotleserin Dainichi Lazuli anbieten. Ihre Vorhersagen über künftige Ereignisse im Leben der Künstlerin, für die sie Quellen jenseits eines überprüfbaren Wissens anzapfte, bilden den Text, den Dennsion per digitaler Ultraschalltechnologie in maschinenlesbare Sounds übersetzte. Die Bedeutung dieser Informationen enzieht sich den Besuchern. Stattdessen gibt Dennison Einblick in die digitale Matrix, in die Strukturen und Systeme, die es überhaupt erst ermöglichen Information zu organisien, zu übertragen und zu archivieren. So gesehen könnte man ihre eleganten Arbeiten als poetische Erkundungen der Bedingungen unserer Wahrnehmung hinter der Rückseite der Benutzeroberfläche verstehen.


Violet Dennison: Chapter Four – Disappointment.
Kunstverein Freiburg
Dreisamstr. 21, Freiburg.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 12.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 21. Juli 2019.




Violet Dennison
Kunstverein Freiburg
Galerie Jan Kaps, Köln