23/10/12

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Neue Veröffentlichungen zu Marcel Boodthaers, Pawel Althamer, von Aldona Kut und über Charline von Heyl.

von red.

Neue Veröffentlichungen zu Marcel Boodthaers, Pawel Althamer, von Aldona Kut und über Charline von Heyl.

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Susanne König: Marcel Broodthaers, Reimer Verlag, Berlin 2012, 270 S., 49 Euro | 69 Franken

Das institutionskritische prozessuale Werk „Musée d’Art Moderne. Département des Aigles“ (1968-1972) des belgischen Dichters und Künstlers Marcel Broodthaers hat nicht an Aktualität verloren. Dies macht die hervorragende Dissertation von Susanne König deutlich, die Broodthaers‘ ephemere Interventionen am Strand, im Museum und auf der Documenta V anschaulich rekonstruiert und überzeugend Bezüge herstellt zu Dada und Surrealismus, Konzeptkunst und Land Art, der Entwicklung der Institution Museum sowie den politischen Umwälzungen der 1968er Jahre und den Ideen Karl Marx’, Michel Foucaults und Roland Barthes.
Yvonne Ziegler


Pawel Althamer, Hatje Cantz, Ostfildern 2012, 128 S., 35 Euro | 46.90 Franken
Der polnische Künstler Pawel Althamer ist nicht nur Bildhauer. Auch der Begriff sozialer Plastiker trifft auf ihn zu. In seinem neuen im Hatje Cantz Verlag erschienen Katalog werden daher sowohl seine Bildwerke, die von menschlicher Empathie und Fragilität zeugen, wie seine sozial engagierten Projekte aus polnischer Perspektive beleuchtet. Ob er an seinem Wohnort, der Warschauer Trabantenstadt Bródno, ein Stadtfest organisiert oder in seiner „Einstein Class“ perspektivlosen Jugendlichen Physik- und (Über)-Lebensunterricht ermöglicht; Althamers unorthodoxer Glaube jenseits von Katholizismus und kapitalistischem Materialismus ist Nährstoff seiner ‚plastischen’ Projekte. Diese entfalten sich nun zwischen dem goldgefassten Softcover des Buches.
Sören Schmeling


Aldona Kut, Lidlamelle, Modo Verlag, Freiburg 2012, Leporello, 160 S., 28 Euro| 39,20 Franken
Die junge Polin Aldona Kut legt sich nur ungern fest. Ein Bild ist für sie ein Kleid ist ein Stadtplan ist ein Gedicht, das sich seinen Platz mal an der Galeriewand sucht, mal auf dem Laufsteg – oder, wie bei ihrem jüngsten Projekt, in einem Buch mit einer einzige Seite. Auf zwölf Metern Papier, 80-mal gefaltet, montiert die Grenzgängerin zwischen Kunst und Mode hier ihre aktuellen Arbeiten zu einem pulsierenden Mix aus Op-Art-Grafik, Origami-Samples, Schnittmustermalerei und Fashion Design, zu dem Slam-Poetry-Queen Nora Gomringer grelle Verse wie Stroboskopblitze beisteuert. Cool.
Dietrich Roeschmann


Charline von Heyl: Now or Else, Kerber Verlag, Bielefeld 2012, 130 S., 34 Euro | 46.90 Franken
Charline von Heyl hat ihre eigenen Vorstellungen von Malerei – und die sind ziemlich kompromisslos. Sie basieren auf dem Modell „Reset“: Jedes Bild ein Neustart, inklusive Leerräumen der Festplatte und Re-Installation des kompletten Betriebssystems. Auf diese Weise will sie ihrer Malerei den Stil austreiben, jeden Anflug von Handschrift, Wiederholung, Verknüpfung, Referenz. Das Ergebnis sind irritierend vielschichtige Bilder über das Bildermachen, die auf eine so prekäre Weise ausbalanciert wirken, dass man glaubt, ihr Zeichenkosmos müsse jeden Moment in sich zusammenbrechen. Der hervorragende Katalog zur Werkschau der 52-Jährigen, die nach ihrem Start in der Tate Liverpool noch bis Ende September in der Kunsthalle Nürnberg zu sehen ist, gibt nun erstmals einen gültigen Überblick über das außergewöhnliche Malprogramm der in Mainz geborenen Wahl-New Yorkerin.
Dietrich Roeschmann