13/05/19

Mehr als kleine Kuben

Das Kunstmuseum Basel öffnet den „Kosmos Kubismus” über Picasso und Braque hinaus

von Fiona Hesse

kubismusdelaunay.jpgSonia Delaunay, Elektrische Prismen, 1914, © Centre Pompidou, Mnam – CCI/Philippe Migeat/Dist. RMN-GP © Pracusa S.A., Pro Litteris, Zurich
Kaum eine künstlerische Strömung hat die Kunstgeschichte so elementar und nachhaltig verändert, wie der von Pablo Picasso und Georges Braque zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte Kubismus. Das Kunstmuseum Basel hat die in Kooperation mit dem Pariser Centre Pompidou konzipierte Ausstellung nun radikal verkleinert und auf seine Räumlichkeiten im Neubau zugeschnitten. Neun thematisch und farblich stimmig gestaltete Räume bieten die Möglichkeit, anhand von 130 Exponaten Einflüsse, Differenzierungen und Weiterentwicklungen dieses Kunststils in chronologischer Reihenfolge nachvollziehen zu können.

Die kubistische Formensprache entstand dabei nicht aus sich selbst heraus, das wird in den ersten Räumen deutlich. Werke von Paul Gauguin und zahlreiche Masken und Statuen der Stammeskunst zeigen, wie unter anderem die Entdeckung archaischer Formensprache den Weg zum Kubismus ebnen konnte. Der Tatsache, dass sowohl Braque als auch Picasso ebenso wie André Derain und Raoul Dufy in ihrer Malweise stark von Paul Cézanne beeinflusst werden, ist sogar ein ganzer Raum gewidmet. Und wer sich schon immer mal darin versuchen wollte, Werke von Picasso und Braque voneinander zu unterscheiden, wird an der Ausstellung eindeutig Freude haben.

Saal für Saal zeigt sich, welche Experimentierfreude der Kubismus ausgelöst hat: Nicht nur verändert sich die Malerei in ihrer Farbigkeit zunächst hin zu reduzierten Grün-, Braun und Grautönen und gleichzeitig zu der den Kubismus prägenden Vervielfachung der Form. In Gestalt von Assemblagen und Collagen hält mit der Integration von Zeitungsausschnitten und Tapeten auch die Alltagskultur ganz haptisch Einzug in das Bild. Für dieses Zusammenfügen verschiedener Materialien prägte der Galerist Daniel-Henry Kahnweiler den Begriff des „synthetischen Kubismus“. Hier wird deutlich, dass zum Kosmos des Kubismus nicht nur die Künstler gehörten, sondern eben auch Galeristen, Literaten und Sammler, welche die internationale Verbreitung erst möglich machten. Dieser Raum zeigt – passend zur Architektur des Neubaus – jenen Übergang auf, der aus einer Bewegung eine facettenreiche Strömung von größter Strahlkraft werden ließ.

Dass der Kubismus letztlich zu Farbigkeit zurückfand und sich durch die Adaption anderer Künstler verselbständigen konnte, ist nicht zuletzt den sogenannten „Salonkubisten“ zu verdanken, die in den Pariser Salons ihre Werke präsentierten, wie Jean Metzinger, Albert Gleizes, Francis Picabia oder Robert Delaunay. Die Werke wurden großformatiger, die Farben leuchtender und die Sujets urbaner, wie ein letztes, strahlendes Aufbäumen vor der großen Katastrophe des Ersten Weltkriegs.

Der letzte Raum widmet sich schließlich dem Einfluss des Krieges auf die kubistische Kunst. Er mag das Ende dieser elementaren Phase der Kunstgeschichte markieren, aber noch lange nicht das Ende kubistischer Ausdruckskraft. Denn der von Henri Matisse 1908 noch als „kleine Kuben der Landschaften“ verunglimpfte künstlerische Stil beeinflusste ironischerweise nicht nur sein eigenes Schaffen, sondern ermöglichte es zahlreichen anderen Künstlern, ihre eigene Position in Abgrenzung zu schärfen und durch alle Gattungen weiterzuentwickeln, darunter Marcel Duchamp, Marc Chagall, Piet Mondrian, Kasimir Malewitsch oder Le Corbusier.

Darüber hinaus finden sich tatsächlich Namen, die selten genannt und ebenso wenig im Bildgedächtnis verankert sind, wie Léopold Survage, Auguste Herbin, Gino Severini oder Marie Laurencin – neben Sonia Delaunay eine der immerhin zwei Künstlerinnen, die in dieser Ausstellung wahrgenommen werden können. Dass sich die Schau eben nicht nur auf die beiden Hauptakteure Picasso und Braque beschränkt, ist dabei eindeutig horizonterweiternd, macht dem Titel alle Ehre und die Ausstellung zu einer gelungenen Überblicksschau.      

 

Kosmos Kubismus. Von Picasso bis Léger.
Kunstmuseum Basel Neubau
St. Alban-Graben 16, Basel.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 4. August 2019.

 






Kunstmuseum Basel