01/09/11

Um die Ecke gedacht

Ganz schön feinsinnig: Eine Gruppenschau im Kunstpalais Erlangen widmet sich der Ironie.

von Friedrich J. Bröder
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Ganz schön feinsinnig: Eine Gruppenschau im Kunstpalais Erlangen widmet sich der Ironie.iRonic

Als Ikone der Ironie in der Kunst ist Marcel Duchamps Ready made eines Pinkelbeckens von 1917 unübertroffen, unterlief es doch die klassische Vorstellung vom Kunstwerk als hehres Sinnbild des Wahren, Guten und Schönen. Heute tut sich die zeitgenössische Kunst, irrlichternd zwischen Fake und Kryptik, mit der ironischen Brechung viel schwerer, weil „Kontextualität“ und „Dekonstruktion“ der Kunst Geist und Witz weitgehend ausgetrieben haben. Wie schwer es die Ironie in der Kunst hat, um noch als solche wahrgenommen zu werden, zeigt jetzt das städtische Kunstpalais Erlangen mit der voll im Trend liegenden Ausstellung „iRonic. Die feinsinnige Ironie der Kunst“, die zwölf international renommierte Künstler versammelt.

Mit der Ironie jedoch tut sich die Ausstellung schon im Entree schwer. Claude Wall versteckt hinter Plüschvorhang und Jalousie japanische Holzschnitte mit eindeutig erotischen (Dar)Stellungen und macht so den neugierigen Betrachter, der den Vorhang lüftet, zum Voyeur: die Peepshow in der Kunst, die mit der Anspielung auf Courbets Aktbild eines Frauenschosses „L’origne du monde“ sich künstlerisch geriert, aber den Voyeurismus nur affirmativ ausstellt, nicht überhöht und ihm so pornografisch auf den Leim geht.

Da nimmt die österreichische Künstlerin Brigitte Kowanz die politischen Aporien des amerikanischen Präsidenten Barack Obama schon viel subtiler auf die Schippe, wenn sie seinen ebenso banalen wie durchschlagenden Wahlkampf-slogan „Yes we can“ zahlenspielerisch in leuchtende Neonröhrenziffern übersetzt, ins Unendliche spiegelt und als Summe des vollmundigen Spruches unter dem Strich nur ein nichtssagendes „bhhfh“ bilanzieren kann.

Wie weit der Weg durch die kunstlose, staubtrockene steinerne Wüste zur Kunst sein kann, führt das stupende Video „Road to Tate Modern“ des türkischen Künstlers Sener Özmen vor Augen. Es zeigt zwei traurige Gestalten, in denen unschwer Don Quijote und Sancho Pansa zu erkennen sind, die auf einem ausgemergelten Gaul und einem Esel durch eine gottverlassene türkische Gebirgsgegend reiten und nach dem Weg zur Tate Modern fragen. Die auskunftswilligen Einheimischen freilich vermuten diesen Tempel der modernen Kunst schlechthin schon hinter dem nächsten Hügel: da schlägt die Ironie in die Groteske um und führt die zeitgenössische Kunst ad absurdum.

Bei dem dänischen Künstler Peter Land schlägt der „iconic turn“ in den „ironic turn“ um, wenn er die Brüssler Brunnenfigur des „Manneken Pis“ ins Feminine übersetzt und einer lebensgroßen Mädchenskulptur den Wasserstrahl zur irritierenden Verblüffung aus dem Mund schießen lässt. Zur kunsthistorischen Chiffre wird diese „Schnappschuss“ betitelte Installation, wenn sie sich als enigmatische Anspielung auf Bruce Naumans Fotografie „Self-portrait as a fountain“ versteht, mit der sich der amerikanische Künstler als lebender Wasserspeier zu Duchamps „Urinoir“ in Beziehung setzt.

Aber wer drei Mal um die Ecke denkt, landet auch im Ziel – oder dreht sich doch nur im Kreis der Kunst, die in dieser Ausstellung mal effekthascherisch offene Türen einrennt, vor lauter ironischen Anspielungen über ihr Ziel hinausschießt oder aber akademisch überambitioniert vor lauter Wald den Baum der Ironie nicht mehr erkennt. Aber darüber tröstet das in der Eingangshalle aufgehängte Spruchband von Patrick Mimran mit dem Satz „Don’t worry, none of us will be remembered next century“ hinweg. Der französische Künstler holt mit der Kunst der Ironie die Ironie in der Kunst auf den Boden der Wirklichkeit zurück. Denn „Keine Sorge, an niemanden von uns wird man sich im nächsten Jahrhundert erinnern“ – und das gilt wohl auch für so manches Kunstwerk, und wenn es noch so augenzwinkernd ironisch daherkommt.

iRonic. Die feinsinnige Ironie der Kunst.
Kunstpalais Erlangen
Marktplatz 1, Erlangen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch bis 20.00 Uhr.
Bis 4. September 2011.
Kunstpalais Erlangen