11/04/19

Julia Steiner

Die Basler Künstlerin ist Grenzgängerin zwischen Auflösung und Erneuerung

von Iris Kretzschmar

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Julia Steiner, Fragmente der Welten, 2005.2012, Ausstellungsansicht Kloster Schönthal, Foto: Heiner Grieder

Ein Blick in die Werkstatt von Julia Steiner: Unter einem frühen Gipsrelief sind die Fibonacci-Zahlen flüchtig notiert. Sie stehen für das Wachstum der Natur, ein zentraler Aspekt in Steiners Werk. Daneben spannt ein ausgestopfter Greifvogel seine mächtigen Flügel aus, um in einer neuen Bronzeplastik wieder aufzutauchen. Wuchtiges liegt am Boden, eine Platte mit aufgeworfenen Formen, ein Relikt der Installation aus der Abtei von Bellelay. 2016 bespielte die Künstlerin das barocke Kirchenschiff mit zwei monumentalen Arbeiten: Eine Gouache von 50 Quadratmetern Bildfläche, die wie ein gewölbtes Segel in der Längsachse vor den Chor gespannt war und eine schwarze Bodenplastik. Unter vollem Körpereinsatz hatte sie ganze zehn Tonnen Lehm auf einem großen Podest vor Ort verarbeitet und nach der Trocknung schwarz lackiert. Das Relief, vergleichbar mit in der Bewegung erstarrtem Lavagestein, nahm als Manifest der Materie den Dialog zur feinstofflichen Pinselzeichnung auf. Die Polarität von Erdenschwere und Trans­zendenz, von zerklüftetem Boden und lichtem Himmelszelt passten nicht nur vorzüglich in den sakralen Kontext sondern sind auch inhärenter Bestandteil ihres künstlerischen Denkens.

Fast ein Markenzeichen der mehrfach ausgezeichneten Julia Steiner (*1982) sind ihre grossen, schwarzen Pinselzeichnungen. Was zunächst wie Kohle erscheint, erweist sich als Gouachefarbe, die Steiner mit stumpfen Pinseln trocken auf den Oberflächen verreibt, während der helle Papiergrund als Licht die Komposition durchströmt. Neben den Papier- gibt es auch die Wandbilder, die wieder überstrichen werden, ganz im Sinne der Künstlerin, die nicht nur das Wachstum, sondern auch das Verlöschen liebt. Sie kennt keinen Horror vacui vor der weissen Fläche. Auch eine Vorzeichnung ist nicht nötig. Mit der Bildidee im Kopf gibt sie sich ganz dem performativen Malakt hin. Nebelschwaden gleich fegen monumentale Pinselzüge über die Flächen, verdichten sich zu Wirbeln oder formen sich zu bizarren Landschaften. Der Bildraum öffnet sich, lässt Durchblicke zu, um gleichzeitig jede Räumlichkeit zu negieren – ein betörender Bilderrausch, der einbezieht und gefangen nimmt.

Im Kloster Schönthal zeigt Steiner jetzt „Fragmente der Welten“, eine tagebuchartige Sammlung von 220 Objekten. Zwischen 2005 und 2016 entstanden skulpturale Skizzen, die jetzt streng chronologisch geordnet, in einem Buchobjekt archiviert sind. In dem Kunstkabinett ist ein Netzwerk ganz unterschiedlicher Referenzen angelegt. Grosses wird im Kleinen sichtbar wie in der „Weltbaustelle“, wo ein kreisrundes Sägeblatt, versehen mit winzigen Teilen von Klimbim, zum blauen Planeten erhoben wird. Artifizielle Kleinodien verbinden humorvoll Verspieltes mit Existentiellem. Manchmal verdichtet sich der Bezug zum Körper, wie beim „Haartopf“, bernsteinfarbenen Nestern aus eigenem Haar oder bei den filigranen Abformungen von Körperteilen. Auch das künstlerische Instrumentarium ist einem Zyklus unterworfen, wie die „Pinselsammlung“, einem Eimer abgeschabter Malutensilien oder der „5-Jahreslappen“ zeigt.

Für das Helvetia Art Foyer ist eine räumliche Intervention geplant. Bahnen von transparenter Seide sollen über Zeichnungen und Architektur gespannt werden, um im Wechselspiel von Ein- und Ausblicken veränderliche neue Räume hervorzubringen. Die kontemplativen Arbeiten von Julia Steiner tragen neben der Fragilität des Momentes, den Wandel und die Erneuerung in sich..          

 

Julia Steiner: Fragmente der Welten.
Kloster Schönthal
Langenbruck.
Öffnungszeiten: Freitag 14.00 bis 17.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.0 bis 18.00 Uhr.
Bis 19. Mai 2019.

Helvetia Art Foyer
Steinengraben 25, Basel.
Öffnungszeiten: Donnerstag 16.0 bis 18.00 Uhr.
5. Juni bis 3. Oktober 2019.

 

 

 




Julia Steiner
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