04/04/19

Verborgene Sicherheit

Die Fotostiftung zeigt das Langzeitprojekt "How to secure a country" von Salvator Vitale

von Dieter Langhart

svitale.jpg

Salvator Vitale, Schweizer Grenze, Ponte Tresa, 2015, aus der Serie «How to Secure a Country» © Salvatore Vitale
Für einmal präsentiert sich die Fotostiftung Schweiz völlig anders. An den Wänden hängen nicht Vintage-Fotografien von Klassikern wie Balthasar Burkhard, Georg Gerster oder Jakob Tuggener. Stattdessen ist im Raum ein Parcours ausgelegt, auf dem sich die Besucher erst zurechtfinden müssen, Stellwände mit Fotografien und Erklärtafeln scheinen ihnen den Weg zu versperren. Das hat Gastkurator Lars Willumeit so gewollt: eine komplexe Informationsumgebung, mit allen Sinnen zu erfahren. Er hat vor zwei Jahren bereits das Schweiz-Tableau „Fremdvertraut” betreut.

„How to Secure a Country” heisst das visuelle Langzeitprojekt des in der Schweiz lebenden italienischen Künstlers und Publizisten Salvatore Vitale (*1986). Die Fotostiftung Schweiz zeigt den Werkkomplex erstmals umfassend – und ahmt bewusst die irritierende Ästhetik einer Waffenmesse nach.

Die Schweiz: Ein Hort der Sicherheit und Zufluchtsort der Flüchtlinge. Beides ist sichtbar in der Ausstellung: Ein für das Sportschiessen modifiziertes Sturmgewehr vor rotem Hintergrund und eine rote Karte der Schweiz, die in der Grenzwachtstelle Chiasso hängt, von Hand mit Basisinformationen ergänzt für Flüchtlinge, die oft nicht wissen, wo sie gelandet sind und dass hier eine Landesgrenze ist.

Auch die Schweiz hat eine Sicherheitsindustrie. Vieles ist verborgen oder geheim und lässt sich nicht fotografieren: die Justiz, der Strafvollzug, der Geheimdienst, die Atomkraftwerke. Dennoch vermag Salvatore Vitale das oft abstrakte Erzeugen von Sicherheit sichtbar zu machen. Er fotografiert Supercomputer und Statistiken, Zollstellen und Zeichen des Réduit-Dispositivs, die Wetterüberwachung am Flughafen, die Simulation eines Terroranschlags und den vierfüssigen Roboter ANYmal.

Wer gewährleistet Sicherheit in der Schweiz? Salvatore Vitale zeigt beides: Wie der Staat sich als Staat sieht und wie der Staat das Volk sieht. Darüber hinaus fokussiert er auf nationales Branding und zeigt, wie wichtig Bilder in der Politik und bei nicht-staatlichen Akteuren sind. Und er macht die neue Bilderintensität durch die Digitalisierung sichtbar – auch in seiner Ausstellung hängen Überwachungskameras. Vitales Ansatz ist nicht der des Fotojournalismus, sondern der direkte Zugang zu den Akteuren über das Bild und dessen eigene Wirkkraft. Auch abstrakte Dienstleistungen wie Telekommunikationsfirmen werden so präsentiert: Beispiele für selbsterhaltende und selbsterweiternde Technologien zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten. Ein broschiertes, schwarz-weiss gehaltenes Handbuch mit zahlreichen Abbildungen ergänzt diese sehenswerte Ausstellung.    

 

Salvator Vitale, How to secure a country
Fotostiftung Schweiz
Grünzenstr. 45, Winterthur.
Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 26. Mai 2019.

 

 

 




Fotostiftung