02/04/19

Mit Seltenheitswert

Das Bündner Kunstmuseum zeigt Martin Dislers Monumentalbild "Die Umgebung der Liebe"

von Alice Henkes

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Martin Disler, Die Umgebung der Liebe, 1981, Saalaufnahme Bündner Kunstmuseum Chur, Foto: Ralph Feiner
Es ist ein Bild, in das man eintauchen kann. Ein kolossales Werk voller Schrecken, vor Dunkelheit, aber auch voller zärtlicher Momente. Ein Werk, das in seinen Motiven und Themen gewissermassen den kompletten Martin Disler (1949-1996) enthält. Und es ist ein Bild, das im buchstäblichen Sinne aus der Nacht heraus entstanden ist: Martin Dislers Gemälde „Die Umgebung der Liebe“. Das 140 Meter breite Bild entstand im November 1981 in nur vier Nächten. Disler malte es im Auftrag des Kunstvereins Stuttgart. Nacht für Nacht gestaltete er je ein 35 Meter breites, über vier Meter hohes Bild. Zwar gab es Skizzen, doch die Ausführung erfolgte recht frei. Er malte mit Dispersionsfarben auf die am Boden ausgebreiteten Bildgründe aus Nesselstoff. Seine Frau Irene Grundel unterstützte ihn bei diesen künstlerischen Nachtschichten. Sie erinnert sich daran, dass auch aktuelles Zeitgeschehen in das Grosswerk einfloss. Die frühen 1980er Jahre waren in Deutschland die Zeit der Debatten und Demonstrationen um Abrüstung, Aufrüstung, Atomkraft. Im Herbst 1981 spürten Martin Disler und Irene Grundel in Stuttgart eine angespannte Stimmung, die sich als ein visuelles Vibrieren im Bild wiederfindet.

Martin Dislers „Die Umgebung der Liebe“ wurde und wird in Kunstkreisen viel diskutiert. Gesehen haben es indes nur wenige. Nach seiner Fertigstellung wurde das Werk zwei Monate lang im Kunstverein Stuttgart gezeigt. Sechs Jahre später wurde es am gleichen Ort noch einmal für zwei Wochen installiert. Danach war es nie wieder zu sehen.

„Die Umgebung der Liebe“ markiert einen wichtigen Wendepunkt in der Karriere Dislers. Mit diesem Gemälde betrat der junge Wilde aus der Schweiz die internationale Bühne. Seine expressive Kraft gepaart mit tiefer Empfindsamkeit erregte Aufsehen. Das Stuttgarter Werk enthält viele Themen und Motive, die in Dislers Werk immer wieder anzutreffen sind. Bereits ein Jahr nach der Präsentation in Stuttgart wurde Disler zur documenta 7 in Kassel eingeladen. 2007 hat die Gottfried Keller-Stiftung das Bild „Die Umgebung der Liebe“ für die Schweiz angekauft. Das Bündner Kunstmuseum in Chur zeigt das Werk jetzt zum Auftakt des 100-Jahre-Jubiläums seines Hauses. Es ist die erste Präsentation seit über 30 Jahren. Und die allererste auf Schweizer Boden. Ein enormer Glücksfall ist, dass das Werk genau in den Neubau des Hauses passt. Anders als der Kunstverein Stuttgart ist der Saal des Museums in Chur nicht ganz offen, sondern wird durch zwei Infrastruktureinbauten gegliedert. So kann man das Bild nie im Ganzen betrachten, sondern muss daran entlanggehen. Schritt für Schritt entfaltet es sich, wie ein Film oder eine Landschaft, in der sich immer wieder neue Geschichten knüpfen, immer wieder neue Entdeckungen machen lassen.        

 

Martin Disler, Die Umgebung der Liebe
Bündner Kunstmuseum
Postplatz, Chur.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 26. Mai 2019.

 





Bündner Kunstmuseum