09/09/11

Expeditionen ins Zwischenreich

Das Kunstmuseum Solothurn untersucht mit "Science & Fiction" die Nähe zwischen Kunst und Wissenschaft.

von Yvonne Ziegler
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Das Kunstmuseum Solothurn untersucht mit "Science & Fiction" die Nähe zwischen Kunst und Wissenschaft.

Wenn Künstler wissenschaftliche Methoden mit künstlerischen Fragestellungen und Produktionsformen verbinden, steht das System Wissenschaft auf dem Prüfstand. Schnell wird deutlich: Wissenschaft hat mehr mit Fiktion zu tun, als uns lieb ist. Eine unumstrittene naturwissenschaftliche Methode ist das Sammeln, Bestimmen, Systematisieren und Beschriften von Steinen, Pflanzen, Tieren und Objekten. Christian Ratti wendet dies auf Gullydeckel, auf Schweizerdeutsch Dolen an. Sein umfangreiches „Dolologie-Archiv“ umfasst verschiedene Deckeltypen, Fotografien, Aufschriebe, Zeitungsartikel und vieles mehr. Angesichts der systematisierten Fülle des banalen Gegenstandes kann man ein fasziniertes Grinsen kaum unterdrücken und ist auf die vom Künstler angebotenen dolologischen Stadtführungen gespannt. Eine Jahrhunderte lang gepflegte wissenschaftliche Systematik wirkt plötzlich absurd.

Lutz & Guggisberg nehmen die Flut wissenschaftlicher Veröffentlichungen aufs Korn. Köstlich sind die Umschläge ihrer Holzbücher anzusehen, wo es beispielsweise um Strunke, Knorze und Waldknochen geht. Helen Mirra entwickelt persönliche Bücherindexe, die rhythmisch sortiert sind und auf Schreibmaschinenbändern präsentiert werden. Hingegen versehen Matteo Terzaghi & Marco Zürcher alte Fotografien aus Lexika mit neuen amüsanten Legenden. So ist unter einer Schwarzweißfotografie abgenutzter Zahnbürsten zu lesen: „Erzeugt in Kombination mit einer in Tubenform erhältlichen Medizinalpaste einen Schaum im Mund des Anwenders, sodass man, wenn er redet, nicht versteht, was er sagt“. Weitere Forschungsmethoden, die sich Künstler zu Eigen machen, sind die Recherche anhand von Interviews (Oral History) und die Visualisierung von Ergebnissen in Form von Diagrammen und Kartografien. Durch Marmorierung entstandene Formationen auf Atlantenseiten von Pascal Schwaighofer stellen deren Weltdarstellung in Frage und offenbaren, dass auch wissenschaftliche Bilder ästhetischen Kriterien folgen. Till Velten erforscht unterschiedliche Wissensgebiete per Gespräch und erstellt Bezugsdiagramme seiner Recherchen. Beispielsweise spricht er mit dem Arzt, Anästhesisten und Bildhauer Georg Mitrohin über persönliche Vorstellungen von Heilsystemen. Die alte Sehnsucht nach Ganzheitlichkeit und einer Verbindung von Wissenschaft und Kunst zeigt sich schließlich auch in den per Pendel sondierten Zeichnungen der Heilpraktikerin Emma Kunz. Sie legte diese ihren Patienten vor, um die Energieströme auszupendeln. Das war gar nicht als Kunst gemeint, sieht aber so aus.

Kunstmuseum Solothurn
Werkhofstr. 30, Solothurn.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 107.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 6. November 2011.
Am 6. November 2011, um 11.00 Uhr lädt Christian Ratti zu einer Dolologischen Stadt-Führung.
Kunstmuseum Solothurn