13/09/11

Den Bilderschwarm lenken

Bilderadaptionen: Die Kunsthalle Winterthur zeigt eine Einzelausstellung von Susanne Kriemann.

von Annette Hoffmann
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Bilderadaptionen: Die Kunsthalle Winterthur zeigt eine Einzelausstellung von Susanne Kriemann.Susanne Kriemann

Wissenschaft zerlegt, seziert und archiviert. Susanne Kriemanns Aufnahme „A Silent Crazy Jungle Under Glass, Repetition 1 (Kabinettkäfer)“ wirft einen Blick auf eine Schublade, die Teil einer zoologischen Sammlung ist. Auf horizontal verlaufenden Leisten sind Käfer und kleine, verschieden farbige Zettel aufgespießt. Sie klassifizieren die Käfer, ordnen sie in das binäre System der Zoologie ein, ein paar Stecknadeln warten auf weitere Käfer. „Attagenus gloriosae“ ist hier zu lesen, dort scheint eine Notiz auf das Ausgestorbensein der Art hinzuweisen, Zahlen sind zu erkennen, die eine Hierarchie schaffen. Schon lange hat wohl niemand mehr sich mit dieser Sammlung befasst, sie muss schon alt sein, die Käfer wirken so, als könnten sie sich bald in Staub auflösen.

Sich kreuzende Erzählstränge im Panorama der Bilder
In der Kunsthalle Winterthur ist diese in diesem Jahr entstandene Fotografie von Susanne Kriemann (*1972) ihrer Installation „One Time One Million“ von 2009 gegenüber gestellt. Und wer derzeit die Kunsthalle Winterthur betritt, nimmt zuerst diese panoramatische Holzkonstruktion wahr. In ihrem Inneren hat die Künstlerin knapp 50 Aufnahmen aneinandergereiht, die zu Gruppen arrangiert sind. Passiert man an ihnen vorbei, sieht man Flugzeuge, Luftaufnahmen, die von Trabantensiedlungen gemacht wurden, Fotos von einer Hasselblad-Kamera aus dem Jahr 1942 in Manier der Werbefotografie und Vogelaufnahmen, unter denen handschriftlich auf Schwedisch die Art, das Geschlecht und der Ort vermerkt ist, an dem diese Blaumeisen, Dompfaffen und Möwen gesichtet wurden. Obgleich Susanne Kriemann die Bilder nicht hierarchisiert, kreuzen sich doch die Erzählstränge. So weiß man, dass die Hasselblad-Kamera Kriemanns eigene ist, die sie auf einer Auktion erstand und dass Victor Hasselblad ein Vogelliebhaber war. Während des Zweiten Weltkrieges bekam er vom schwedischen Militär den Auftrag eine Kamera zu entwerfen, mit der man Luftaufnahmen machen konnte. Das Vorbild war ein deutscher Fotoapparat, der durch einen Flugzeugabsturz in die Hände der Schweden gelangte. Die Vogelperspektive, die überhaupt Anlass für die Entwicklung der Hasselblad-Kamera war, verbindet sich mit den Vogelaufnahmen, sie wird durch die Bilder toter Vögel aus dem Depot des Berliner Naturkundemuseums gebrochen. Sie verbindet sich aber auch mit den Strömen der Immigranten, die dorthin wanderten, wo sie Arbeit fanden. Zwischen 1965 und 1974 stieß man in Schweden das „Millionenprogramm“ an, das eine Million Wohnungen für eine Million Arbeiter vorsah. Die Hochhäuser, die Susanne Kriemann aus der Luft aufgenommen hat, wurden bald zu sozialen Ghettos. Schaut man ein Ding nur zu lange an, so scheinen die Aufnahmen von Susanne Kriemann nahe zulegen, erstarrt es und verliert seine Vitalität.
Susanne Kriemann interessiert sich in ihren Arbeiten für die Ordnung der Dinge, wie in der Moderne Wissen sichtbar gemacht wird. Ihr Medium – die Fotografie – ist dabei von zweifachem Wesen. Sie hat ihre Funktion innerhalb dieses Repräsentationssystems, sie ist aber auch Mittel, dies offen zu legen. Fotografie verspricht nur eine vermeintliche Objektivität. Und so befragt Susanne Kriemann in ihrer Winterthurer Ausstellung auch die Aussagekraft von Bildern. Was verändert sich, wenn auf gelbem Fonds eine Vase mit langstieligen verblühten Tulpen zu sehen ist, und das andere Mal nur das Gelb. Und was verändert sich, wenn man sich die Bilder aneignet, indem man die Fotografie wiederholt. Nicht grundlos beziehen sich die Titel ihrer neuen Arbeiten auf den Moment der Repetition. So sind ihre Aufnahmen von Solenhofener Kalk „A Silent Crazy Jungle Under Glass, Repetition 1 (Gestein 1-5)“ eine Referenz auf Alfred Renger-Patschs Buch „Gestein“. Susanne Kriemann scheint jede Bruchkante abzufahren, um zu sehen, wie bildtauglich diese Schieferplatten sind und zugleich nähert sie sich damit der Abstraktion. In einer weiteren Arbeit des Werkkomplexes „A Silent Crazy Jungle Under Glass, Repetition 1“ von 2011 projiziert sie mit zwei Episkopen Fotos auf die gegenüberliegenden Wände. Während das eine einen Ausschnitt aus Hans Namuths bekanntem Porträt Jackson Pollocks im Atelier verwendet, zeigt das andere die Zweige eines Dickichts. Namuths Foto ist durch die Wahl des Ausschnittes kaum zu erkennen, der Verlauf der Linien und Farbspritzer jedoch wird durch die Nähe des anderen Bildes der Natur immer ähnlicher, das Dickicht jedoch der Kunst. Wer will da noch entscheiden, welches das eigentliche Artefakt ist.

Susanne Kriemann.
Kunsthalle Winterthur

Marktgasse 25, Winterthur.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 12.00 bis 16.00 Uhr.
Bis 25. September 2011.
Kunsthalle Winterthur