13/09/19

Kuno Grathwohl

Der Freiburger Künstler (1928-2014) malte in den 1980er Jahren Raumansichten, die er Vedute spaziali nannte

von Christiane Grathwohl-Scheffel

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Kuno Grathwohl, Veduta Spaziale 2005_002-003, 2005, Öl auf Leinwand, 100 x 120 cm, Privatsammlung

Mitten in einer Zeit des Aufbruchs und Neuanfangs begann Kuno Grathwohls künstlerischer Weg. Im Wintersemester 1947/48 ging er nach Karlsruhe an die gerade wiedereröffnete Kunstakademie, wo er seine künstlerische Ausbildung bei den Professoren Wilhelm Schnarrenberger, Otto Laible und Fritz Klemm erhielt. Anders als heute durchliefen die Künstler damals eine umfangreiche Grundausbildung, darin eingeschlossen waren verschiedene Mal- und Drucktechniken, Komposition, Aktzeichnen, Schriftgestaltung und Werkerziehung.

Mit diesem umfangreichen Rüstzeug ausgestattet begann Kuno Grathwohl seine Laufbahn als Kunsterzieher. Neben seinen beruflichen Verpflichtungen nutzte er jede freie Minute um seine eigene Kunst zu entwickeln und verbrachte die Abende und Wochenenden in seinem Atelier an der Staffelei. Außer der Ölmalerei zeichnete er ausgiebig. Sein Spektrum reichte von Entwurfsskizzen bis hin zu maßstabsgerechten Architekturaufrissen, er befasste sich mit graphischen Techniken vor allem dem Holzschnitt und mit der Keramik.

Als er in der Schule, dem Bertold Gymnasium, an dem er über 35 Jahre als Kunsterzieher tätig war, einen großen Brennofen für den Werkunterricht anschaffte, gestaltete er zusammen mit den Schülern Vasen und Gefäße bis hin zu vollplastischen Kopfskulpturen und Porträtmasken. Sein Unterricht war so lebhaft und anregend, dass nicht wenige seiner Schülerinnen und Schüler später einen künstlerischen Weg eingeschlagen haben und selbst Künstler/Innen, Kunsterzieher/Innen, Kunsthistoriker/Innen und auch Schauspieler- und Geschichtenerzähler/Innen wurden.

In seiner Malerei entfernte sich Kuno Grathwohl zunehmend vom Gegenständlichen, Abbildhaften und entfaltete seit den ausgehenden 80er Jahren im Rahmen der Konkreten Kunst seine besondere Liebe zur Geometrie. Er entwickelte die Raumansichten, denen er den Namen „Vedute spaziali“ gab.

Seine „Vedute spaziali“ haben sich im Lauf der Jahre verändert. Waren es zu Beginn noch monolithisch anmutende Raumkörper, die vereinzelt im sie umgebenden Farbraum schwebten, wandelten sie sich in den 90er Jahren in komplexe, die gesamte Leinwand überziehende geometrische Strukturen, die bis an den Bildrand reichen und die gesamte Oberfläche bedecken. Eine Hintergrundfarbe wurde nicht mehr verwendet, stattdessen spielte die weißgrundierte Leinwand gezielt in die Gesamtkomposition hinein.

Die Farben haben sich geändert, waren sie einst in Braun- und Grautönen gehalten, in ihrer gedämpften Farbigkeit tonwertig abgestuft, sind sie über eine Phase der leuchtenden, stark auf Kontrasten basierenden Farben in helle, zum Teil pastellfarbene Farbklänge übergegangen. Die mit Weiß aufgemischten Blau, Rosa und Gelbtöne bewegen sich im kühlen Farbspektrum. Sie nehmen den Betrachter mit ihrer unglaublichen Frische, ihrem besonderen Leuchten gefangen und schaffen einen eigenen vibrierenden Farbraum. Steht man in Ruhe und ungestört in nicht allzu weitem Abstand davor, kann man diesen jeweiligen Farbraum spüren.

Der serielle Charakter der „Vedute spaziali“ fällt ins Auge. Auch wenn jedes Bild für sich steht und keines dem anderen exakt gleicht, in vielfachen Variationen sind diese Bilder keine Wiederholungen, sondern immer wieder und jedes Mal Neuschöpfungen. Dies setzt eine konzeptionelle, vom Künstler entwickelte Idee voraus. Kuno Grathwohl ist seiner Idee bei allen Veränderungen in den Bildern, seinem Konstruktionsprinzip, von Anfang an treu geblieben. An diesem auf mathematischer Systematik und den Regeln der Geometrie basierenden Prinzip hält er in allen „vedute spaziali“ fest und schafft dadurch die große Klammer, die jedes einzelne dieser Bilder mit der ganzen Werkgruppe verbindet.

Rechtecke, Quader, Quadrate, Würfel bilden die Versatzstücke, aus denen die Komposition entwickelt wird. Statt der unseren Sehgewohnheiten entsprechenden Zentralperspektive, wendet Kuno Grathwohl die Parallelperspektive an. Deren Besonderheit besteht darin, dass alle Körper so konstruiert werden, dass sich zur Raumtiefe hin keine Größenveränderung der Objekte ereignet. Da wir gewohnt sind, zentralperspektivisch zu sehen, das heißt, dass abgebildete Körper sich in den Bildhintergrund räumlich verkleinern, bei den „Vedute spaziali“ jedoch darauf verzichtet wird, stellt sich eine optische Irritation ein, die zudem dadurch gesteigert wird, dass sich die dargestellten Körper eine gemeinsame Fläche teilen. Für den einen Körper dient sie als Oberfläche und für den anderen als Unterfläche. Darin eingeschlossen ist der Wechsel von Vorn nach Hinten. Es handelt sich wieder um die eine Fläche für zwei Körper nur, dass sich jetzt ihre Schrägstellung auswirkt und beide Körper sich in unterschiedlicher Höhe auf der Bildfläche befinden.  Vorn und Hinten erscheint bei beiden Körpern im Übergang. Diese Konstruktion erzeugt einen sogenannten Kippeffekt.

Versenkt man sich ins Sehen und betrachtet die Bilder intensiv, verändert sich die Wahrnehmung. Vorne erscheint hinten, oben erscheint unten und umgekehrt. Auf- und Untersicht sind gleichzeitig möglich. Derartige Figuren lassen sich lediglich auf dem Papier konstruieren, zweidimensional sind sie korrekt, in der Wirklichkeit können sie jedoch nicht nachgebaut werden. Aus diesem Grund werden sie in der Bildenden Kunst als „unmögliche Figuren“ bezeichnet.

Auf „Unmöglichen Figuren“ trifft man in der Kunstgeschichte bereits im 18. Jahrhundert. Ein frühes Beispiel sind die „Carceri“ von Giovanni Battista Piranesi. Es handelt sich um erfundene Kerkerbilder, Architekturvisionen mit auf- und absteigenden Treppen, denen etwas Surreales anhaftet. Im 20. Jahrhundert haben sich v. A. zwei Künstler mit dem Thema befasst, der Schwede Oscar Reutersvärd und der Niederländer Maurits Cornelis Escher.

Die „unmöglichen Figuren“ entsprechen nicht unseren Sehgewohnheiten, sie sind Widersprüche in sich: Wir sehen etwas, was es nicht gibt und so nicht geben kann. Eine solche Aussage, die zugleich wahr und falsch ist, wird in der Logik als Paradoxie bezeichnet und so haben wir mit den „Vedute spaziali“ optische Paradoxien vor Augen. In diesen Bildern versteckt sich die Frage nach der Wirklichkeit. Was ist Wirklichkeit? Ist das, was wir um uns herum sehen die Wirklichkeit? Warum sieht jeder dann etwas Anderes? Und was ist erst mit den Dingen, die wir nicht sehen können, die aber dennoch existieren? Schon sind wir mitten in philosophischen Fragestellungen. Aber nicht nur die Philosophie beschäftigt sich mit derartigen Fragen, ebenso die Erkenntnistheorie, die Wahrnehmungspsychologie, die Theologie und natürlich die Bildende Kunst.

Die Bilder von Kuno Grathwohl sind zum einen, was sie scheinen – mit Ölfarbe gemalte geometrische Formen auf einer quadratischen oder rechteckigen Leinwand – und zum anderen sind sie hintergründige Infragestellungen unserer Wahrnehmung. Jedes einzelne Bild stellt eine solche Frage, ein flüchtiger Blick genügt bei den „Vedute spaziali“ nicht. Im sich Einlassen auf diese Kunst können wir die Erweiterung unserer Grenzen erfahren, Gewohntes hinter uns lassen und neue Räume in uns selbst betreten. (aus der Einführung zur Ausstellung Kuno Grathwohl: Veduta spaziali im depot.K, Freiburg)

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Kuno Grathwohl, Veduta Spaziale 1999_009, 1999, Öl auf Leinwand, 100 x 60 cm, Privatsammlung

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Kuno Grathwohl, Veduta Spaziale 2004_04, 2004, Öl auf Leinwand, 100 x 60 cm, Privatsammlung

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Kuno Grathwohl, Veduta Spaziale 2004_05, 2004, Öl auf Leinwand, 100 x 60 cm, Privatsammlung

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Kuno Grathwohl, Veduta Spaziale 2006_02, 2006, Öl auf Leinwand, 100 x 60 cm, Privatsammlung

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Kuno Grathwohl, Veduta Spaziale 2009_01, 2009, Öl auf Leinwand, 100 x 60 cm, Privatsammlung

Kuno Grathwohl
depot K., Lehener Str. 30, Freiburg.
10. Januar bis 9. Februar 2020.