20/02/19

Der Traum von der weißen Moderne

Das Bauhaus wird 100 – ein guter Anlass für einen differenzierten Blick auf die Legende

von Annette Hoffmann

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Peter Loewy, All About Tel Aviv-Jaffa, 2018, Courtesy the artist
Wenn man die Vorbereitungen zum Jubiläumsjahr beobachtete, konnte man glauben, dass das Bauhaus im kulturellen Gedächtnis der Deutschen so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner ist. Innen- und außenpolitisch war die Lage 1919 mehr als schwierig und bekanntlich sollte alles noch katastrophaler werden. Aber das Bauhaus! Denn musste es nicht vor den rechtsnationalen Landesregierungen erst von Weimar nach Dessau und dann nach Berlin ausweichen und wurde es nicht 1933 gleich nach der Machtergreifung Hitlers geschlossen? Es scheint als ständen all die weißen Fassaden für die Utopie der Moderne schlechthin, die allein ein besseres Leben bringen sollten: bessere Küchen, eine klügere Organisation des Alltags, mehr Luft und mehr Licht, weg vom Plüsch und dem Konservatismus. Der Anspruch war groß in Architektur, Kunst und Design eine neue Zeit einzuläuten.

Man vergisst gerne dabei, dass auch das Bauhaus seine Widersprüche hatte. Da sind die jüdischen Emigranten, die in Tel Aviv eine weiße Stadt aufbauten. Da ist die Verfemung des Bauhauses durch das „Dritte Reich“, aber auch ein Architekt wie Franz Ehrlich, Kommunist, Bauhäusler und KZ-Häftling, der erst als Insasse Buchenwalds, dann später von der SS zwangsverpflichtet für das „Dritte Reich“ arbeiten musste. Der berüchtigte Schriftzug des KZ Buchenwalds „Jedem das Seine“ stammt von ihm, er verwendete dafür – und man wird das als Subversion verstehen dürfen – eine Typografie, die dem Bauhaus nahe war. Bei anderen Absolventen des Bauhauses war die Kooperation mit der NSDAP freiwillig. Wieder andere wie der ehemalige Bauhausdirektor Hannes Meyer gingen in den 1930er Jahren nach Russland, um ihr Können dem Kommunismus zur Verfügung zu stellen. Und sie scheiterten, mitunter geradezu auf tragische Weise.

Wer sich einmal die Meisterhäuser in Dessau unweit des Schulgebäudes angesehen hat, in denen Walter Gropius, Paul Klee und Wassily Kandinsky wohnten, ahnt, dass mit der Organisation des Bauhauses in Werkstätten nicht jede Hierarchie nivelliert worden war. Und es ist auch kein Zufall, dass Frauen vor allem als Weberinnen und Textilkünstlerinnen wahrgenommen wurden. Man weiß aber auch die klare Funktionalität, die elegante Strenge und die praktischen Details zu schätzen. Zum Idealisieren gibt es keine Gründe, doch viele, das Erbe von 100 Jahre Bauhaus zu feiern.     

 

Idealstandard. Spekulationen über ein Bauhaus heute.
Zeppelin Museum, Friedrichshafen.
Bis 28. April 2019.

Gemalte Diagramme. Bauhaus, Kunst und Infografik.
Museum für Konkrete Kunst, Ingolstadt.
31. März bis 29. September 2019.

All about Tel Aviv-Jaffa: Die Erfindung einer Stadt. Jüdisches Museum, Hohenems.
7. April bis 6. Oktober 2019.

Von Hölzel zum Bauhaus.
Galerie Schlichten­maier, Stuttgart. Bis 9. März 2019.