06/03/19

Fliehkräfte der Mehrheitsgesellschaft

Zwei Ausstellungen im Freiburger E-Werk widmen sich künstlerischen Recherchen im Feld von Feminismus, Rassismus und Postkolonialismus

von Dietrich Roeschmann

Natashakelly.jpgNatasha A. Kelly, Millis Erwachen, 2018, Filmstill, Courtesy the artist

Anlässe, über das postkoloniale Erbe Europas zu reden, gibt es derzeit viele – spätestens seit der Diskussion um Reparationen für die Opfer des Genozids an den Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 in der einstigen Kolonie Deutsch-Südwestafrika wird die Debatte auch in Deutschland verstärkt geführt. Es geht um Erinnerung und Verantwortung – und gegen die Behauptung von Deutungshoheit um die Anerkennung und das Sichtbarmachen unterschiedlicher Perspektiven und Erfahrungen innerhalb und außerhalb des wissenschaftlichen Kanons, der lange genug nahezu ausschließlich die männliche Sichtweise einer weißen Mehrheitsgesellschaft repräsentierte.

An diese Diskussion knüpfen nun zwei locker miteinander verschränkte Ausstellungen im Freiburger E-Werk an, für die Kuratorin Heidi Brunnschweiler zwei Filme der Finnin Laura Horelli kurz nach ihrer Berlinale-Premiere nach Freiburg holen konnte sowie für die Studiogalerie im Erdgeschoss Natasha A. Kellys viel beachtete Videoarbeit „Millis Erwachen” von 2018, die erstmals an der 10. Berlin Biennale zu sehen war. Ausganspunkt von Kellys Video in der Ausstellung "Schwarze Frauen, Kunst und Widerstand" ist ein Rap, den die junge Afrodeutsche Maciré Bahayoko vor Ernst Ludwig Kirchners Gemälde „Schlafende Milli” (1909/11) in der Kunsthalle Bremen vorträgt. Das Bild zeigt eine nackte Schwarze in exotischem Interieur, die in ihrer Schutzlosigkeit wiederum Kirchners durchaus problematischen Blick auf den dunkelhäutigen, weiblichen Körper spiegelt. „Für deine Bedürfnisse bin ich da”, rappt die Künstlerin, „für dein sexuelles Erlebnis exotischer Art / für dein Mitteilungsdrang darüber, wie nicht-rassistisch du bist / oder wie sehr ich doch bin wie du”. So unversöhnlich diese Verse im ersten Moment klingen, so sehr lassen sie erahnen, welche Herausforderung es heute nach wie vor bedeuten dürfte, als Nicht-weiße in einer von Weißen geprägten Gesellschaft, die große Stücke auf ihre Aufgeklärtheit hält, erfolgreiche Strategien der Selbstermächtigung zu entwickeln. Acht in Deutschland lebende Künstlerinnen mit dunkler Hautfarbe hat Natasha A. Kelly für „Mellis Erwachen” zu ihren Erfahrungen befragt – von Zari Harat, die in den 1980er Jahren in Berlin mit der afroamerikanischen Feministin Audre Lorde befreundet war, bis zu der südafrikanischen Regisseurin Naomi Beukes-Meyer, bekannt für ihre lesbische Beziehungs-Kult-Serie „The Centre” aus Berlin. Diverse Filmstills und ein 13-Minuten-Ausschnitt aus dieser charmanten, betont handgemachten Web-TV-Produktion flankieren Kellys sehenswerten Video, der auf teils irritierend direkte Weise für die Fremdheitserfahrungen der Befragten in ihrem eigenen Land, in dem wir alle leben, sensibilisiert.


horelli.jpgLaura Horelli, Namibia Today, 2018, Ausstellungsansicht E-Werk Freiburg, Courtesy Galerie Barara Weiss, Berlin, Foto: Marc Doradzillo

Die zweite Schau "Changes in Direction" versammelt mehrere Arbeiten der finnischen Künstlerin Laura Horelli, darunter die raumgreifende Video-, Plakat- und Materialinstallation „Namibia Today”, die 2017 für ein Kunstprojekt in der Berliner U-Bahn-Station Schillingstraße entstand. Horelli plakatierte dort Collagen aus Fotos und Covern der 1972 gegründeten Zeitschrift der namibischen Befreiungsbewegung SWAPO. Erleuchtet von Neonröhren wie in einem verwaisten U-Bahnhof bei Nacht hängen diese Plakate nun in der Pfeilerhalle des E-Werks und erzählen, begleitet von Videointerviews, die verwickelte Geschichte einer intensiven Beziehung. Neben ausgewählten Titelseiten zeigen die Poster Szenen aus der Erfurter VEB-Druckerei „Fortschritt”, in der „Namibia Today” einst mit Geldern des Solidartätskomitees der DDR gedruckt wurde. Namibier, vor dem Apartheid-Regime in Südafrika geflohen, lehnen hier an Druckmaschinen und lesen Bögen Korrektur, die ihnen weiße Drucker reichen. Auf anderen Fotos lächeln junge Nambierinnen eines Erzieherinnenkurses in die Kamera, SWAPO-Funktionäre posieren mit Nachbarn vor Berliner Plattenbauten. Man könnte diese BIlder als Zeugnisse eines solidarischen Miteinanders lesen, doch zugleich werfen sie die Frage nach der Bedeutung von Solidarität im Kontext des Kalten Krieges auf. Während die alte Bundesrepublik mit dem Apartheid-Regime in Südafrika Handel trieb, unterstützte die DDR den Guerillakampf der SWAPO mit Waffen und Medien; namibische Waisenkinder wurden in ostdeutschen Heimen für künftige Führungsposten in einem unabhängigen Namibia erzogen. Wie stark die Hilfe weißer Europäer für Exil-Namibier von ideologischen Interessen geleitet war und dennoch kulturellen Austausch und tiefe Freundschaft zuließ, zeigt auch Laura Horellis jüngste Videoarbeit „Uutisten aika (Newstime)”, die sich in einer fast melancholisch gestimmten Montage von alten TV-Reportageschnipseln dem Einfluss finnischer Missionare in Namibia sowie dem Alltagsleben geflohener Namibier im äußersten skandinavischen Nordosten widmet. Es ist die Geschichte eines gelingendes Zusammenlebens, die Missverständnisse, Einsamkeit und Trauer nicht ausspart.

Natasha A. Kelly & Naomi Beukes-Meyer: Schwarze Frauen, Kunst und Widerstand.
Laura Horelli: Changes in Direction.

E-Werk Freiburg
Eschholzstr. 77, Freiburg.
Öffnungszeiten: Donnerstag und Freitag 17.00 bis 20.00 Uhr, Samstag 14.00 bis 20.00 Uhr, Sonntag 14.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 14. April 2019.




Laura Horelli
Natasha A. Kelly
Galerie für Gegenwartskunst, E-Werk Freiburg