28/01/19

New Posting

von Jolanda Bozzetti

juergensen.jpg

Birgit Jürgenssen, Schuroulade, 1977, Privatsammlung Wien, Estate Birgit Jürgensen, Courtesy Galerie Hubert Winter, Vienna, Bildrecht Vienna, 2018.
Sie machte es schon in den 1970er Jahren zum Thema. Die wechselseitige Beziehung zwischen Mensch, Tier und Pflanze durchzieht die Kunst Birgit Jürgenssens (1949-2003) wie ein roter Faden. Oder besser gesagt, wie die zarte Äderung eines Blattes, die wiederum ihre Korrespondenz in den Linien einer Handfläche findet.

Die großformatigen Farbstiftzeichnungen führen den Blick unmittelbar in das Bild hinein, lenken die Aufmerksamkeit auf Details. Surrealistisch anmutende Mischwesen lässt Jürgenssen in ihren zarten und zugleich kraftvollen Zeichnungen entstehen. „Fehlende Glieder“ von 1974 etwa zeigt einen adrett gekleideten, aufrecht stehenden Mann, dessen linke Körperhälfte in Gliedmaßen und Scheren eines Krebstieres ausfranst. Auf einer weiteren, unbetitelten Zeichnung verwandeln sich die Blätter aus dem Boden sprießender Pflanzen in das Flügelpaar einer grünen Schwalbe, die zum Flug ansetzt. Solch rätselhafte Übergänge von Mensch zu Tier zu Landschaft finden sich bei Jürgenssen immer wieder. Die österreichische Künstlerin, die bereits im Alter von acht Jahren ihren Spitznamen Bi selbstbewusst zum Signet Bicasso Jürgenssen erweiterte, war ihrer Zeit voraus und wirkt heute verblüffend aktuell.

Neben zahlreichen Zeichnungen versammelt die in Kooperation mit dem Wiener Estate Birgit Jürgenssen entstandene Retrospektive auch Skulpturen, Objekte, Videos und verschiedenste Formen von Fotografien, die ihre Leidenschaft für das Experimentieren bezeugen. So war Jürgenssen eine der ersten Künstlerinnen, die Polaroid-Bilder als künstlerisches Medium verwendete. An der Akademie der Künste in Wien, wo sie auch in der Meisterklasse von Arnulf Rainer lehrte, richtete Jürgenssen Anfang der 80er Jahre Fotografie als Unterrichtsfach ein.

Mit ikonischen Arbeiten wie die Schwarz-Weiß-Fotografie „Nest“ von 1979, die ein Vogelnest samt Eiern auf einem weiblichen Schoß platziert zeigt oder die aus Blech geformte, tragbare „Hausfrauen-Küchenschürze“ von 1975, die Kleidungsstück, Herd und Ofen zugleich ist, reiht sich Birgit Jürgenssen neben Valie Export als führende Künstlerin in die feministische Avantgarde in Österreich ein, die gängige Rollenbilder ironisch und subversiv in Frage stellte. Nach ihrem Leitsatz „be really creative, refuse your role", dekonstruierte sie systematisch den Mythos der männlichen Macht und suchte nach neuen, selbstbestimmten Konzepten von Weiblichkeit.

Ästhetisch fühlte sich Jürgenssen den Künstlerinnen Louise Bourgeois und Meret Oppenheim verbunden, wie sich etwa in der seriellen Beschäftigung mit dem Fetischobjekt Schuh erkennen lässt und die zu Arbeiten wie dem „Zungenleckschuh“ von 1974 führte: eine Ledersandalette mit spitzem Absatz, die statt eines Damenfußes eine lang gezogene Rinderzunge bekleidet.             

 

Birgit Jürgenssen
Kunsthalle Tübingen
Philosophenweg 76, Tübingen.
Öffnungszeiten: Dienstag 11.00 bis 19.00 Uhr, MIttwoch bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 17. Februar 2019.


 

 

 




Kunsthalle Tübingen