24/01/19

Ein Fake und nichts als ein Fake

Das Stapferhaus Lenzburg hat sich in ein Amt für die ganze Wahrheit verwandelt

von Dietrich Roeschmann

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Pinocchio entert das Stapferhaus in Lenburg: Ausstellungsansichten aus „Fake! Die ganze Wahrheit”, Fotos: Stapferhaus Lenzburg
In Lenzburg wurde schon immer gerne groß gedacht – in den letzten Jahren allerdings oft größer als die Architektur des 1960 gegündeten Stapferhauses erlaubte. Die Kulturinstitution, die sich seit Beginn der 1990er Jahre in spektakulär gut besuchten interaktiven Ausstellungen brennenden Gesellschaftsfragen der Geschichte und Gegenwart widmet – von „Anne Frank und wir” zu Themen wie Strafen, Entscheiden, Geld oder Heimat –,  wuchs ihr Erfolg über den Kopf. Deshalb beschloss die Gemeinde einen Neubau für knapp 25 Mio. Franken, direkt gegenüber des Bahnhofs der Kleinstadt an der Aare.

Seit der Eröffnung des Baus vor zwei Monaten, dessen kubisches Volumen in eine markante, dunkelgraue Balkenstruktur ausgreift, baumelt über dem Eingang eine überdimensionale Pincocchio-Puppe, die hölzerne Nase dezent in die Länge gestreckt. Sie ist so etwas wie das Logo zur aktuellen Schau, die Direktorin Sibylle Lichtensteiger hier aufwendig inszeniert hat. Ihr Thema: Fake. Weil derzeit nichts so sehr in Bewegung scheint wie die Definititon dessen was wahr ist und was falsch, hat die Historikerin ihr neues Haus kurzerhand in ein Amt für die ganze Wahrheit verwandelt. Das Organigramm dieser Fake-Behörde ist so komplex und weit verzweigt wie im richtigen Leben. Keine bürokatisches Format wurde ausgelassen, um dem Amt zu ermöglichen, seinen Aufgaben effizient und erfolgreich nachzu kommen. So gibt es in Lenzburg derzeit eine zentrale Lügenanlaufstelle, eine Dienststelle für Wahrheitsfindung und eine Medienstelle für Fake News. Es gibt eine eine Prüfstelle für Fälschungen und ein Labor für Lügenerkennung samt Lügendetektor, eine Kommission für Glaubwürdigkeit und eine Fachabteilung für Lügenerziehung. Was auf den ersten Blick wirkt wie ein Riesenspielplatz für kleine Detektive und grosse Philosophen, liesse sich zugleich als partizipatives Gesamtkunstwerk verstehen, das die Besucher immer wieder dazu nötigt, ihr eigenen Überzeugungen zu hinterfragen. Was genau ist die Wahrheit? Wo fängt die Lüge an? Und wo die Verschwörungestheorie? Ist nicht möglicherweise alles, was wir für wahr halten, doch nur eine mutwillige Täuschung, inszeniert von Dritten, die verborgene Gründe zu haben scheinen, uns auf die falsche Fährte zu locken? Wahrheit ist relativ – das zeigt sich nicht zuletzt in der aktuellen Debatte um die kalkuliert selektive Wahrnehmung des US-Präsidenten Donald Trump und die strategische Erfindung „alternativen Fakten”, die in seinem Umfeld blühen. Im Stapferhaus Lenzburg gibt es dazu jede Menge Fakten - unter anderem aus einer repräsentativen wissenschaftlichen Studie über "Wahrheit und Lüge im Zeitalter von Fake News", die Lichtensteiger anlässlich der Ausstellung in Auftrag gab.

Fake - die ganze Wahrheit.
Stapferhaus
Bahnhofstr. 49, Lenzburg.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 9.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 9.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 29. September 2019.




Stapferhaus