22/09/11

Abstrakte Gefühle

Was ist neu in Zürich? Wir haben uns beim Seasonopening umgesehen und stellen Ausstellungen vor.

von Dietrich Roeschmann
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Was ist neu in Zürich? Wir haben uns beim Seasonopening umgesehen und stellen Ausstellungen vor.Fabio Marco Pirovino

Im Schaufenster bei Abbt Projects in der Motorenstraße liegt eine Ferrari-Mütze und auf der Fensterbank im Innern ein Zettel mit dem schönen Brancusi-Zitat: „There are those idiots who define my work as abstract; yet what they call abstract is what is almost realistic. What is real is not the appearance, but the idea, the essence of things”. Zwei amorphe Tropfenformen, die auf den Bildern nebenan prangen, nicken zustimmend. Sie sehen gut aus, in Lack, knallrot, aber auch irgendwie deplatziert auf diesem milchig-verschwommenen Spachtelhintergrund, der entfernt an apricot-farbenen Bistro-Wände in Schwammtechnik erinnert.

Eigentlich hat Fabio Marco Pirovino (*1980) Fotografie studiert. Aber in den letzten Jahren zieht es ihn immer stärker zur Malerei – mit den Mitteln der Fotografie. Im vergangenen Sommer etwa hinterließ er an der Rückwand der Kunsthalle Basel ein Wand füllendes Mural. Es zeigte eine mit Photoshop bearbeitete Ansicht von Picassos „Guernica" – von hinten, in Plastik eingeschweißt, als schwarz-graue Camouflage einer kunsthistorisch, historisch und politisch gesättigten Super-Ikone. Abstrakt? Nicht wirklich. Eher wirkte die Arbeit wie das Ergebnis eines konsequenten Durcharbeitens des Bildes und seiner Möglichkeiten in allen denkbaren Medien, aber der Gegenstand blieb immer präsent.
Wie die Banane, mit der Pirovino seine Schau bei Abbt eröffnet: die gelbe Frucht spreizt sich hier wie ein Star im Rampenlicht vor einem aus einzelnen Malereilinien zusammengesetzten Bühnenraum. „Kunsthalle" hat er den Digital-Print schlicht betitelt. Es ist sicher nicht ganz falsch, darin einen polemischen Seitenhieb auf Tilman Baumgärtel, den ewigen „Bananensprayer", zu sehen, der Warhols Velvet-Underground-Cover-Motiv seit Jahrzehnten für sein egomanes, abgedroschenes Markierungssystem von Orten „guter Kunst" ausbeutet.

Auch die roten Tropfenformen auf Pirovinos aktuellen Bildern stehen am Ende einer langen Assoziationskette, die den Bildprozess durch verschiedene Medien navigiert. Sie sind in Ferrari-Autolack auf Wandputz gemalt. Ferrari hieß auch Pirovinos Urgroßmutter. Mit Autos hatte sie nichts zu tun. Weg wollte sie trotzdem und nahm deshalb die Schiffspassage nach New York. Doch das mit dem Auswandern ging nicht gut. Auf Ellis Island war die Reise zu Ende. Die Grenzbeamten schickten sie zurück in die Schweiz. Dort gründete ihr Mann ein Gipsergeschäft und entwickelte eine spezielle Spachteltechnik, die zum durchschlagenden Erfolg wurde. Plötzlich wollten alle ihre Wände so und nicht anders haben. Es ist ein Treppenwitz der Familiengeschichte, den Pirovino hier zum Ausgangspunkt seiner Malerei gemacht hat: seine Urgroßeltern mussten erst an den Grenzen des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten scheitern, um – zurück in der Schweiz – zu merken, dass diese in Wirklichkeit direkt vor ihrer Haustür lagen. Abstract Feelings, davon erzählen Pirovinos Bilder.

Dass er dafür nicht immer ganze Wände braucht, zeigen seine aktuellen Hakenschläge der Malerei. Am Computer hat der in Zürich lebende Künstler ein kleines Programm entwickelt, mit dem er schwarze Balken in zwei unterschiedlichen Längen zu immer neuen geometrischen Systemen kombiniert. Auf Silberpapier ausgedruckt, dienen sie ihm als schillernder Bildgrund für eine Malerei, die mal mit ihren giftgrünen Bubbles und Drips ins Retro Design lappt, mal eine fast impressionistische Farbigkeit an den Tag legt oder sich in atmosphärischen Lichtspielen verliert. Diese Bilder entstanden Anfang 2011 während seines Atelierstipendiums in New York. Am letzten Tag, als er das Studio verlassen musste, druckte er noch einmal eine 7er-Serie seiner Balkendiagramme aus und wischte damit den Boden. In Zürich hängen sie nun hinter Glas: als kleine, Energie geladene Bildknoten, in denen sich Abstraktion und Autobiografie, geometrische Strenge und pulsierende Direktheit, Konzeptkunst und Malerei unentwirrbar ineinander verschlingen.


Viel zu lesen gibt es bei Josef Strau (*1957), der bei Francesca Pia digitale Foto-Text-Collagen in Posterformat zeigt. Sie flankieren eine aberwitzige Leuchtenschau, die im ersten Moment wie das zwanglose Treffen einer Clique dürrer Comicfiguren wirkt, mit glühenden Köpfen. Von den gepiercten Lampenschirmen, die im Raum verteilt stehen, hängen Eisenketten, Perlenschnüre und Seile herunter und mäandern über den Boden, vorbei an zwei neongelben, mit Edding beschriebenen Tennisbällen: der eine heißt Micol, der andere Carletto. Ihre Geschichte wiederum wird auf einem der DIN A 1-Plots an der Wand erzählt. Es ist die kryptische Story zweier junger Künstler, die sich ganz den Regeln des Tennisspiels hingeben und daraus im freiem Dialog überraschende Verbindungen zu anderen theoretischen oder künstlerischen Diskursen knüpfen. Da kann es schon mal vorkommen, dass plötzlich auch Lawrence Weiner oder Isa Genzken mit auf dem Platz stehen...
„Automatic writing“ nennt Strau seine Methode der Textproduktion, in der er Anekdotisches mit Theorie mischt, persönliche Bekenntnisse mit kritischen Reflexionen über Kunst, Architektur, Design oder Philosophie. Die somnambule Selbstverständlichkeit, mit der er in dieser Prosa starke, oft widersprüchliche Bilder entstehen lässt, nimmt auf eine seltsam lustige und zugleich melancholische Weise gefangen – erst recht, wenn diese imaginären Bilder dann im Raum als Objekt gewordene Textsplitter skulpturale Form annehmen. Oder umgekehrt: Jeder seiner Leselampen, die hier vor sich hin flackern, hat er eine eigene Geschichte auf den Leib geschrieben, was nicht nur für schräge Doppelperspektiven sorgt, sondern immer auch den unausweichlichen Konflikt zwischen Gegenstand und Bedeutung schürt. Die Grenzen zwischen Text, Bild und Ding, Illumination und Blendung, Kunst und Deko sind fließend – wie übrigens auch die Identitäten Straus, der seit den Achtzigern einen bemerkenswerten Spagat zwischen Künstler, Kurator, Galerist, Autor und Kritiker probt.


An den Wänden bei Freymond-Guth Fine Arts in der Brauerstraße hängen origamiartig gefaltete Leinwände, überzogen von einer monochromen brüchig-matten Farbschicht, trocken wie Kreide und zart wie Puder. In klaren Linien überlagern sich die Fronten und Rückseiten des gefalteten Stoffs zu feinen Binnenzeichnungen und ergeben zugleich scharf begrenzte geometrische Formen, die trotz ihrer Strenge von einer betörenden Leichtigkeit sind.
„Kind of Paintings“ nennt Sophie Bueno-Boutellier (*1974) diese Leinwandfaltungen – eine Formulierung, die in ihrer ganzen Unschärfe gut beschreibt, was die Französin tut. Das Malerische steckt hier zwar in der Geste, gewinnt aber nie wirklich Oberhand über das Objekt und die hypersensible Haptik seines Materials, über Falte, Schnitt und Bruch. Stattdessen scheint es Bueno-Boutellier um das präzise Austarieren einer Balance zwischen Spannung und Stille, eindeutiger Referenz und grundsätzlicher Offenheit zu gehen. Dass sie in ihre aktuellen Leinwände dabei nicht nur das ästhetische Erbe von Minimalismus und Arte povera faltet, sondern auch verstreute Lesefrüchte von André Gides „Les Nourritures terrestres", passt da nur zu gut. Als Prophet der Leidenschaft beschwor der junge Schriftsteller in seinem Roman die Sinnlichkeit des „wirklichen“ Lebens. 1897 erschienen, war es sein erster Bestseller. Und tatsächlich: Bei Bueno-Boutellier glaubt man das Echo dieses „wirklichen“ Lebens fast zu hören, so entschlossen tragen die Arbeiten ihre taktilen Oberflächenreize zur Schau und locken mit einem Understatement, das zur intimen Nahsicht geradezu herausfordert.
Erst recht gilt das für ihre Rauminstallationen, die sich fast scheu ins Ambiente der zur Galerie umgebauten ehemaligen Kfz-Werkstatt drücken. Auf einer Gipsplatte, die aufrecht neben einem geweißten Rundholz, aufgerolltem Wurzelwerk und Steingeröll an der Wand lehnt, steht in feinen Bleistift-Lettern: „Les dents des femmes sont des objets si charmants...“ Das scheinbar beiläufig hingekritzelte Zitat stammt aus Robert Desnos’ Gedicht „L’Etoile de Mer“, das Man Ray 1928 zu einem wunderbar entrückten Kurzfilm inspirierte: L'Etoile de Mer. Der melancholische Soundtrack dieses Films wiederum stünde auch Bueno-Boutelliers Arbeiten hervorragend zu Gesicht, die jede für sich wie die Spitze eines Eisbergs im Raum ruhen.

Fabio Marco Pirovino, Abbt Projects
Motorenstr. 14, Zürich.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Samstag 11.00 bis 16.00 Uhr.Abbt Projects

Josef Strau, Galerie Francesca Pia
Limmatstr. 275, Zürich.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 15. Oktober 2011.
Galerie Francesca Pia

Sophie Bueno-Boutellier, Freymond-Guth Fine Arts
Brauerstr. 51, Zürich.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr, Samstag 12.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 2. Oktober 2011.
Freymond-Guth Fine Arts