26/09/11

Wandlungen des Selbst

Was man derzeit in den Karlsruher Galerien sehen kann. Entdeckungen vom Rundgang.

von Julia Bömers
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Was man derzeit in den Karlsruher Galerien sehen kann. Entdeckungen vom Rundgang. Bitzer

Sanft erschafft sie Reflexionen. Katinka Bock (*1976) legt einen kargen Gegenstand in den Raum und lässt ihn sprechen; überlässt es den Betrachtern, sein reibungsvolles, gedankenreiches Eigenleben zu entdecken. Eine Raumecke etwa wird wiederum überdeckt von einer Ecke aus drei weißen Keramikplatten: eine Korrektur oder Beschönigung, die jedoch nicht zum Ende kommt, selbst scheitert. Ihr Titel „Himmel und Meer“ öffnet zudem einen völlig anderen Raum, eine Leerstelle: den Mangel etwa, nur eine Zimmerecke zu sein.
Mit Bocks Ausstellung „Die Blaue Stunde“ läutete die Galerie Meyer Riegger die Saison ein und öffnete zugleich mit sechzehn weiteren Galerien ihre Pforten zum Karlsruher Galerienrundgang, bei dem äußerst lohnende Entdeckungen zu machen waren. Wie eben die feinen Objekte und Installationen Katinka Bocks, die mit hintergründigem Lächeln ein Infragestellen des Bestehenden thematisieren, die Konfrontation mit einer Leerstelle, ein Anderswerden oder -werdenwollen, ein Scheitern oder Sich-Neudefinieren. „Zentralplatz“ etwa, ein loses Bodenmosaik alter, schäbiger Holzstücke, Steine oder Styroporteile, gleicht einer kleinen Stadt, in der jedes Häuschen seinen Platz, seine Position, seine Abgrenzung vom Anderen sucht. Die Beweglichkeit, die aus der Auseinandersetzung mit dem Anderen erwächst, erfasst selbst den umgebenden Raum: Ein Metallbogen verbindet Flur und Zimmer, ein Glas spiegelt den Himmel, zahlreiche Querverweise ziehen sich wie Bänder durch die Galerie. Die festen Räume werden im Beisein der Objekte auf wundersame Weise irritierbar und befragbar, knetbares Material und reagierender Organismus: Eine an keiner Stelle statisch-sichere, dafür aber humorvolle und sehr lebendige kleine Welt.


Nur von Ferne dagegen wirken die bunten Collagen Tjorg Douglas Beers (*1973) fröhlich: Die Bilder und Skulpturen seiner derzeitigen Ausstellung bei Karlheinz Meyer tragen Spuren von Kindlichem und offenbaren sich doch unter dem bissigen Titel „Diktatur des Dilettantismus“ als düster-depressive Schau des Scheiterns. In apokalyptischen Variationen umkreist der Künstler die ins Zentrum gestellte menschliche Figur, die sich ins Maskenhafte oder Leblose verliert, den Mund wie zum Schrei aufgerissen, beregnet und mit Pfeilen beschossen. Ob es äußere Einflüsse sind oder ausstrahlende Innenzustände – immer findet sie sich bedrängt, bedroht, des inneren Zusammenhalts verlustig: der Mensch als ohnmächtiges Mangelwesen.


Matthias Bitzer (*1975) hingegen formuliert das Ich. In seiner vierten Einzelausstellung bei Kadel Willborn, „Absence and Autopilot“, bilden Installationen, Bilder und Glasmalereien ein Gefüge, in dessen Mittelpunkt essenzartig die Bildserie „The Phosphor Notes“ steht: 84 ordentlich gerahmte und gereihte kleinformatige Bilder großer Diversität. Hier sammeln sich Naturbilder, Geometrisch-Abstraktes, übermalte Seiten, Buchstaben, Zitate und immer wieder Portraits, die sich fragmentieren, zu geometrischen Formen verdrehen, ja dahinter verschwinden. Spürbar geht es um das Subjekt, das sich hier unzählige Male spaltet, verbiegt und versteckt, immer in grausamer Perfektion: Die Verdeckung und Zerstörung, die hier – neben Wandlung und Erneuerung – stattfindet, lässt hinter artifizieller Makellosigkeit das Lebendige verschwinden. Die Vielzahl aber bedeutet nicht nur Spaltung, sondern auch Konstruktion. Aus unzähligen Aspekten fügt und entdeckt sich das Ich in immer neuen, überraschenden Wendungen. Selbst Beigaben anderer Künstler sind eingereiht: Arthur Rimbauds Ausspruch „Ich ist ein Anderer“ wird hier schier unendlich variiert.


Die Galerie Weingrüll soll zum „Ort, an dem es nichts zu tun gibt“ werden: So betitelt der junge Künstler Otto D. Handschuh (*1978) seine Schau. Von „Absicht“, von Sinn und Funktion will er die Objekte befreien: karge, beinahe aufs Materielle reduzierte Objekte aus Stein und Stahl. Doch das auf den ersten Blick so Einfache kompliziert sich im Nu. Handschuh unterwandert das Material. Ein großer Steinblock hängt schwerelos an der Wand, eine Stahlplatte krümmt sich auf dem Boden. Mehr noch: Ein enormer Steinblock, der schlicht und viereckig auf einem riesigen Papierbogen ruht, präsentiert sich doch wie auf einer Filmleinwand, schwebt dank winziger Stützen hauchzart über dem Boden, ist innerlich gar ausgehöhlt. Das sich unbehauen und natürlich Gebende erweist sich als manipulativ, verkehrt die Unschuld in ein kafkaeskes Spiel und bringt auch unsere Begriffe von Wahrheit und Natürlichkeit auf den Prüfstand. Ihrer Funktion mögen die Objekte entledigt sein, einer Absicht entsagen sie nicht: Bis in den Titel der Ausstellung hinein reicht Handschuhs Spiel.

Katinka Bock. Galerie Meyer Riegger
Klauprechtstr. 22, Karlsruhe.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 19.00 Uhr, Samstag 11.00 bis 16.00 Uhr.
Bis 22. Oktober 2011.
Galerie Meyer Riegger


Tjorg Douglas Beer. Galerie Karlheinz Meyer
Ernststr. 88, Karlsruhe. Auf Anfrage, Tel. 0049/(0)721/612111.
Bis 22. Oktober 2011.

Matthias Bitzer. Galerie Kadel-Willborn
Hirschstr. 45, Karlsruhe. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag 11.00 bis 14.00 Uhr.
Bis 12. November 2011.
Galerie Kadel Willborn


Otto D. Handschuh. Galerie Weingrüll
Nowackanlage 7, Karlsruhe.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Frietag 15.00 bis 20.00 Uhr, Samstag 11.00 bis 16.00 Uhr.
Bis 29. Oktober 2011.
Galerie Weingrüll