28/09/11

Kunst als Freiraum

In der Kunsthalle Mannheim nähert sich eine Gruppenausstellung feministischer Kunst in der DDR.

von Diana Adamovic
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In der Kunsthalle Mannheim nähert sich eine Gruppenausstellung feministischer Kunst in der DDR.Stoetzer

In der DDR waren Frauen von Staats wegen gleichberechtigt. Doch die Wirklichkeit sah häufig so aus, wie Horst Sakulowski sie in seinem „Porträt nach Dienst“ 1975 darstellte, das auf der VIII. Kunstausstellung der DDR gezeigt wurde. Eine zutiefst erschöpfte Frau ist in einen Sessel gesunken. Keine Heldin der Arbeit wird hier wiedergegeben, sondern die real existierende Situation der Frau in der DDR, die sich nach ihrem Arbeitstag um den Haushalt kümmerte und sich in die langen Schlangen vor den Läden einreihte. Die Kunsthalle Mannheim setzt sich in ihrer Sonderausstellung „Entdeckt! Rebellische Künstlerinnen in der DDR“ nicht allein mit den verschiedenen Facetten des Frauenbildes auseinander, wie sie von Künstlerinnen vor der Wende formuliert wurden, sondern auch mit dem rebellischen Potential, das im Künstlertum selbst lag, als Absage an die Produktionsprozesse des Arbeiter- und Bauernstaates.

Wer die kleine Gruppenschau „Entdeckt! Rebellische Künstlerinnen in der DDR“ betritt, muss sich an die schwierige politische und soziale Situation damals erinnern. Kunstwerk für Kunstwerk muss im historischen Vergleich gelesen werden. So zeigt Yana Milev „Raster und Psyche“ von 1988 eine Person in Nahaufnahme in unterschiedlichen Landschaften. Man konzentriert sich auf das Innenleben und die Psyche, die trotz äußerer Begrenzungen zum Ort der Freiheit wird. Zugleich brennen sich die äußeren Strukturen in einen Menschen ein und halten ihn gefangen. Während sich die Kolleginnen im Westen wie Elvira Bach oder Rosemarie Trockel freier mit Körperlichkeit und Individualität befassten und weibliche Klischees auch ironisierten, arbeitet Angela Hampel in ihren Zeichnungen aus den 1980ern mit Codes für die weibliche Wut. Hampel, 1956 in Räckelwitz geboren und Mitbegründerin der Dresdner Sezession, verweist mit der antiken Figur der Kassandra auf ein Buch der ostdeutschen Autorin Christa Wolf, das die patriarchale Gewalt kritisiert. Ebenso wie sie Penthesilea, die Königin der Amazonen und tragische Figur im Kleistschen Trauerspiel von 1808, die zwischen ihren Gefühlen und der gesellschaftlichen Ordnung zerrieben wird, in einem weiteren Porträt aufgreift. Viele der in dieser Ausstellung gezeigten Arbeiten funktionieren über solche Doppelbödigkeiten, manchmal auch bis hin zu symbolträchtigen Bildern wie Zeichnungen von Stacheldraht und Köpfen in Eimern mit roter Farbe wie in der Performance von Else Gabriel aus dem Jahr 1989.

Das filmische Werk von Gabriele Stötzer, die mit einer Videoarbeit von 1984 vertreten ist, gehört zu den spannendsten Beiträgen dieser Ausstellung. Stötzer arbeitet ganz unmittelbar mit dem weiblichen Körper. In ihren Performances arrangierte sie Frauen zu Gruppen, die Intimität und Nähe ausloten, die sich selbst erfahren und zugleich die Isolation des Subjektivismus hinter sich lassen. Ebenso bemerkenswert ist die Fotoarbeit von Gundula Schulze Eldowy. In ihrer präzisen schwarz-weißen Milieustudie begleitet sie eine hochbetagte Frau. Es ist das Porträt einer Ostfrau, deren ganzes langes Leben unter dem Einfluss des 20. Jahrhundert und seiner Kriegswirren stand. Die Leere einer Frau, die sich für ihren Mann, den Staat oder ihren Sohn aufopferte, der nichts blieb, wirkt nicht beängstigend, sondern auf eine starke und sensible Art berührend. Denn noch immer ist ein Glühen in den Augen zu bemerken, als könnte man all dem vielleicht doch noch eine andere Wendung geben. Was bleibt, was ist von Dauer, wie frei ist eine Frau im Alter, fragt diese Fotoserie.

Entdeckt! Rebellische Künstlerinnen in der DDR.
Kunsthalle Mannheim

Friedrichsplatz 4. Mannheim.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 9. Oktober 2011.
Kunsthalle Mannheim