30/09/11

Erfundene Dokumente

Zwingend: Walid Raads Ausstellung „Miraculous Beginnings“ in der Kunsthalle Zürich.

von Dietrich Roeschmann
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Zwingend: Walid Raads Ausstellung „Miraculous Beginnings“ in der Kunsthalle Zürich.Walid Raad

Drei Mal hatte die Beiruter Galerie Sfeir-Semler seit 2005 bei Walid Raad angefragt, ob sie die Arbeiten seines gerade abgeschlossenen Projekts „Atlas Group“ zeigen dürfe. Es wäre die erste Soloschau des Libanesen in seinem Geburtsland gewesen, eine schöne Gelegenheit. Doch jedes Mal lautete seine Antwort: nein. Als Raad nach fortgesetztem Drängen im Sommer 2008 dann doch zusagte, musste er beim Aufbau überrascht feststellen, dass seine Kunst geschrumpft war – auf ein Hundertstel ihres ursprünglichen Formats. Was tun? Er baute eine Art Puppenhaus-White-Cube, in die er die eingelaufenen Arbeiten der „Atlas Group“ zusammenpferchte – und nutzte die frei bleibenden Wände für neuen Stoff.

Derzeit steht seine Miniaturgalerie im Zürcher Museum Bärengasse. Sie ist so klein und unscheinbar, dass man sie fast übersehen könnte, angesichts der Menge an Arbeiten, die die Kunsthalle Zürich hier zur Retrospektive des 1967 geborenen Wahl-New Yorkers zusammengetragen hat. Dabei lässt sich „A History of Modern and Contemporary Arab Art, Part One, Chapter One“ durchaus programmatisch verstehen, denn auch alle anderen Arbeiten, die Raad hier zeigt, sind klug konstruierte Fiktionen – mit dem kleinen Unterschied vielleicht, dass sich die Mär vom Schrumpfen der Kunst schon beim Erzählen als Farce entpuppt. Mit der Wirklichkeit hat sie dennoch mehr zu tun, als es zunächst scheint. Das 1:100-Ausstellungsmodell ist eine hinterhältige Allegorie auf den Bedeutungsverlust der Kunst in der arabischen Welt. Dass der heute ausgerechnet von den so zahlreich aus dem Wüstensand schießenden Museumsprotzbauten der Scheichs befördert wird, gehört zu den bösen Ironien des jüngsten Arab-Art-Booms: Kunst, sagt Raad, schrumpfe in diesen Schaupalästen zur Staffage, bestenfalls vorgeführt als clevere Investment-Entscheidung. Auch das ein Grund, weshalb er seine KollegInnen kürzlich zum Boykott der gerade im Bau befindlichen Guggenheim-Filiale in Abu Dhabi aufrief. Noch mehr störten ihn jedoch die menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen die schlecht bezahlten Bauarbeiter das 800-Millionen-Dollar-Raumschiff des Stararchitekten Frank O. Gehry hier an den Strand setzen sollen. Der Aufruf, dem sich 130 KünstlerInnen anschlossen, zeigte mittlerweile Wirkung. Ganz real.

In seiner Kunst dagegen verhandelt Raad die Realität des Kriegs mit den Mitteln der Fiktion. Wie virtous er sich dabei den Strategien der Überwältigung bedient, mit denen mediale Bilder ihr Blickregime über unsere Wahrnehmung führen, und wie sehr an der Wahrheit persönliche Erinnerung, traumatische Erfahrung oder die Verwirrung im Ausnahmezustand mitstricken, ist in seiner Zürcher Schau eindringlich in Szene gesetzt. Auf den Ausstellungswänden, die diagonal in die barocken Räume des Museumsbaus gekeilt sind, reihen sich thematisch geordnet Hunderte von Dokumenten aus Raads Archiv über den Alltag und die Folgen des Libanonkriegs. Mal unter dem Pseudonym des erdachten Historikers Dr. Fakhouri, mal im Namen des fiktiven Forscherteams „The Atlas Group“, katalogisierte er in Notizbüchern Fahrzeugtypen, die zwischen 1975 und 1991 als Autobomben benutzt worden waren; er sammelte Fotos von Motoren gesprengter Fahrzeuge, die wie Meteoriten auf der Straße liegen, umringt von Soldaten und neugierigen Passanten, oder drehte einen Naturfilm mit angeblichen Videoaufnahmen aus der Überwachungskamera eines Geheimdienstoffiziers, der sich mehr für die Schönheit der Sonnenuntergänge an der Strandpromenade von Beirut interessierte als für die Umtriebe der Oppositionellen, die er dort observieren sollte. In einer weiteren Foto-Serie sind vermeintliche Einschusslöcher in Häuserfassaden mit bunten Punkten markiert, die je nach Farbe von der Herkunft der Geschosse – und damit auch von der massiven Beteiligung des Westens am Konflikt – erzählen.

Dass Raads Erfindungen im ersten Moment immer auch die Möglichkeit bergen, es könnte sich bei ihnen tatsächlich um Dokumente des Kriegs handeln, verdankt sich nicht zuletzt einem nach wie vor ungebrochenen Vertrauen in den Nachrichtenwert fotografischer Bilder. Die Legenden, Diagramme und Tabellen, die diese Materialsammlungen flankieren, erzählen jedoch eine andere Geschichte. Sie lassen seine Arbeiten als zwingende Formen des grundsätzlichen Zweifels erscheinen, es gebe eine angemessene, gewissermaßen verbindliche Darstellung des Kriegs. Die Wirklichkeit beginnt dort, wo der Bildausschnitt endet.

Walid Raad, Miraculous Beginnings.
Kunsthalle Zürich im Museum Bärengasse

Bärengasse 30, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 30. Oktober 2011.
Kunsthalle Zürich