01/10/11

Vexierbild Fotografie

Shirana Shahbazis Einzelausstellung „Much like Zero“ im Fotomuseum Winterthur erweitert den Bildbegriff.

von Annette Hoffmann
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Shirana Shahbazis Einzelausstellung „Much like Zero“ im Fotomuseum Winterthur erweitert den Bildbegriff.Shirana Shahbazi

Die Haut ist zum Platzen gespannt. Kleine schwarze Punkte zeichnen sich auf den feucht glänzenden Trauben ab. Sie sind so üppig, dass sie fast das Arrangement aus Birnen, Pflaumen und Äpfeln sprengen, der weiße Porzellankorb kann sie kaum bändigen. Shirana Shahbazi hat dies Stillleben vor intensiv leuchtendem rotem Hintergrund inszeniert. Die Schale scheint sich auf einer schmalen Brüstung zu befinden, der violette Untergrund, auf dem sie steht, fällt nach unten schwarz ab. Man könnte diese Fotografie für Malerei halten. Man muss, sieht man dieses Stillleben von Shirana Shahbazi (*1974), an Caravaggios „Früchtekorb“ denken, nicht zuletzt wegen der Horizontalen, die der Absatz vorgibt.

Wer Kunst betrachtet, liest Oberflächen, prüft sie auf ihre Machart, versucht ihnen den Prozess zu entlocken, der zu diesem Resultat führte, ordnet ein und vergleicht. Shirana Shahbazis Fotografien, die nun in der Einzelschau „Much like Zero“ im Fotomuseum Winterthur zu sehen sind, stellen den Betrachter vor Rätsel. Da ist dieses Foto eines auffliegenden Vogels, dessen Flügel den schwarzen Hintergrund wie eine Schräglinie durchschneiden. Man sieht ihn von hinten, das Köpfchen ist ein bisschen nach rechts geneigt und lässt doch den Schnabel nicht erkennen, die Federn am Hinterkopf sind so fein erfasst, dass jede Einzelheit sichtbar wird. Ein gelungener Augenblick oder doch ein Szenario in einem naturkundlichen Museum? Und da sind Shahbazis neue abstrakte Fotografien, die wie ein konstruktivistisches Bild wirken: angeschnittene geometrische Grundformen in meist kräftigen Farben. Manchmal schaffen dreidimensionale Körper, die Schatten werfen, Tiefe auf diesen Flächen und lassen ein körperhaftes, reales Papiermodell erahnen. Und ab und an wirken die Linien als gäbe es hier Überschneidungen oder als stieße hier etwas aufeinander. Was hindert einen, diese abstrakten Fotos nicht einfach zu betrachten als wären es Stillleben? Schließlich zwingt ein Foto alles in die Flächigkeit.

„Much like Zero“ bildet das ganze Spektrum an fotografischen und zugleich traditionellen Genres ab: neben Stillleben, das Porträt, Landschaftsaufnahmen. Und in der Galerie des Fotomuseum Winterthur sind Kleinformate aneinandergereiht, die auf den Reisen der in Teheran geborenen Künstlerin entstanden sind. Man könnte sie für Fotos einer Reportage halten. Shah­bazi, die in Dortmund und Zürich Fotografie studiert hat, arbeitet auch als Fotografin für Magazine. Wie absichtslos sind Porträts mit Landschaften durchmischt. Wer wissen will, dass Shirana Shahbazi diesen Felsbrocken im amerikanischen Nationalpark „Joshua Tree“ gesehen hat, muss Richtung Tür gehen, wo die Bildtitel aufgelistet sind. Überhaupt unterläuft Shirana Shahbazi Zuordnungen von Objekt und Bild ebenso wie ausufernde Erzählungen. Sie stellt die Künstlichkeit ihrer Sujets aus, indem sie die Nähe zur Kunstgeschichte sucht. Ihr Stillleben „Gitarre-01-2009“, das eine Gitarre vor einem grafisch wirkenden Schwarz-Weiß-Hintergrund zeigt, wirkt als hätte sie das Motiv den Kubisten entrissen. Und einige ihrer schwarz-weiß gehaltenen Abstraktionen erinnern an Stills von den experimentellen Filmen Hans Richters oder Oskar Fischingers. Und als ob der Fotografie und ihrem Anspruch auf Abbildung der Wirklichkeit grundsätzlich nicht zu trauen wäre, lässt sie Totenköpfe überdimensional groß malen und setzt die plakativen Hintergründe, die viele ihrer Aufnahmen haben, in den Ausstellungsräumen in spektralen Farbbrechungen fort. Auf einem Porträt aus dem Jahr 2003 hingegen bildet Shirana Shahbazi eine Frau einmal im Halbprofil ab und das andere Mal, wie sie den Blick des Betrachters sucht. Rosa Lidschatten umrahmen die Augen, der Mund ist in Korallenrot geschminkt, Puder liegt auf der Haut der jungen Frau, so dass jedes Härchen zu sehen ist. Eine perfekte Verbindung von Malerei und Fotografie: artifiziell und einfach unwahrscheinlich schön.

Shirana Shahbazi: Much like Zero.
Fotomuseum Winterthur

Grüzenstr. 44+45, Winterthur.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 13. November 2011.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Shirana Shahbazi, Then Again, Steidl Verlag 2011, 113 S., 48 Euro | 45 Franken.
Fotomuseum