06/10/11

Gesichter der Zeit

Wir setzen unsere Rundgänge zum Saisonauftakt mit Stuttgart fort. Was Sie nicht verpassen sollten.

von Annette Hoffmann
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Wir setzen unsere Rundgänge zum Saisonauftakt mit Stuttgart fort. Was Sie nicht verpassen sollten.Timm

„Endliche Zeit“ – der Titel der Ausstellung bei Parrotta Contemporary Art lässt Interpretationsspielraum. Meint er das Medium Fotografie oder doch das Leben der Porträtierten? Denn der Mensch steht im Fokus dieser Fotografieausstellung. Gewidmet ist sie Timm Rautert, der in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag feiert. Doch Rautert, der in Stuttgart nun die neue Serie „Anfang“ und die Fotoinstallation „Crazy Horse“ vorstellt, ließ es sich nicht nehmen und hat mit sieben Meisterschülerinnen und -schülern, darunter Tobias Zielony, gleich Gäste mitgebracht. Es ist also ein umfassendes Gesicht der Zeit, das sich in der Augustenstraße betrachten lässt.

Timm Rautert verortet die jungen Familien, die er in ihren Wohnungen im Rheinland, in Leipzig oder Berlin aufgenommen hat, an den „Anfang“ und doch sind sie in der Mitte angekommen. Denn der Fotograf, der in Leipzig unterrichtete, schafft von ihnen Triptychen. Die Eltern mit ihren meist neu geborenen Kindern platziert er in der Mitte, auf Sofas oder ähnlichen Sitzgelegenheiten. Links und rechts setzt sich der Ausschnitt auf den beiden anderen Bildern fort, so dass man einen Blick in die Wohnungen, auf den jeweiligen Einrichtungsstil werfen und auf die Interessen der Bewohner rückschließen kann. Es ist nicht so, dass Rautert ihnen durch diese formale Lösung einen Heiligenschein verpasst und doch rührt das Wache, Offene das die Zeit der Familiengründung ausmacht, an den Gesichtern der 20-, 30-Jährigen. Zugleich aber erzählen die Wohnungen ihre eigenen Geschichten, etwa dass diese Kleinfamilie mit dem imposanten Stuck an der Rotunde weder die ersten und vermutlich auch nicht die letzten Bewohner sein wird. Sie erzählen davon, dass einst großbürgerliche Wohnungen mittlerweile von jungen Familien bewohnt werden, bei denen Spielzeug sich in der ganzen Wohnung ausbreitet. Und wie sich Ordnungen verändern, wenn ein Kind dazukommt und so erzählen diese Bilder auch vom Sich-Einrichten in der Welt.

Gefährdetere Existenzen hat Göran Gnaudschun porträtiert. Der Fotograf ist immer wieder zum Alexanderplatz zurückkehrt, um dessen Bewohner – junge Obdachlose – abzulichten und sie nach ihrem Lebensalltag zu befragen. Die kurzen Statements lassen sich vage zuordnen und erzählen vom Umsatz des Bettelns, wie es ist, täglich von drei Euro zu leben und vom freigiebigen Umgang mit Geld. Viele sehen aus als wollten sie sich oder ihre Jugend wappnen gegen das Leben auf den Straßen von Berlin, mit Nietengürteln, Sicherheitsnadeln und Spitzenunterhemden über schwarzer Kleidung. Einen ganz anderen, sehr künstlerischen Zugang zum Thema Menschsein hat Frank Höhle mit seiner Serie gefunden. Der Leipziger schafft Frauenbildnisse, die sich über zwei Figuren erstrecken. So setzt sich eine Frau in einer anderen fort, die ihr wie ein Schatten im Rücken steht. Sind wir nur Typen, einander zum Verwechseln ähnlich, durch Mode und Stil einander angeglichen? Unweigerlich stellen Frank Höhles Fotografien die Frage nach der Identität.


Sie waren einmal die beiden Antipoden des deutschen Krautrocks. Dass sowohl Kraftwerk als auch Can in diesem Jahr von der bildenden Kunst gewürdigt werden, ist ein schöner Zufall. Die Kölner Band, die 1968 gegründet wurde, hat sich von Beginn an durchlässig gegenüber der Kunst gezeigt. Nicht zuletzt, da ihr Sänger Malcom Mooney selbst Bildhauer war. Für die Ausstellung hat der Amerikaner nun ein Plakat geschaffen, das ihn beim Arbeiten im Atelier zeigt. In schier unendlichen Reihen werden die Fotos aneinander gefügt. Repetition war schon immer ein Thema für Can. „Halleluhwah! Hommage à Can“ wurde von Christoph Tannert vom Berliner Bethanienhaus kuratiert und wird nach dieser Station bei der Galerie Abtart dort auch zu sehen sein. Tannert hat gute Kontakte, ein Großteil der Arbeiten dieser mit Daniel Richter und Norbert Bisky prominent besetzten Gruppenschau stammt aus diesem und dem letzten Jahr. Ausstellungen über Bands schließen ein gewisses Maß an Fansein mit ein, aber auch die „Checker und Auskenner“ (Christoph Tannert), der Männeranteil und den Ausstellenden ist nicht eben gering.

Doch wie würdigt man eine Band und deren Album „Halleluhwah!“, das vor 40 Jahren veröffentlicht wurde? Um Videos, unterlegt mit der Musik der Gruppe, ist kein Herumkommen. Doch viele wie etwa Skafte Kuhn haben sich die musikalischen Prinzipien der Band zu Eigen gemacht. Der Karlsruher Künstler hat statt musikalische Strukturen aufzubrechen eines der Covers in seine charakteristischen Polyeder umgewandelt und diese mit amorphen silbern beschichteten Dellen versehen. Während der junge Schweizer Künstler Josse Bailly die Bandmitglieder auf einer Art Döner-Spieß in seinen privaten Rockmythenhimmel erhoben hat. Eine besondere Form der Rückkoppelung zeigt Robert Lippok mit seiner Arbeit. Der Berliner ließ die visualisierte Schlagzeugspur in ein Strickprogramm übersetzen. Über den Pulli zieht sich diese Spur nun nicht nur als Ornament, das Geräusch der Strickmaschine wurde zum Soundtrack dieser Arbeit. Fast schon poetisch macht sich hingegen Ulrich Vogls Installation „She brings the rain“ aus. Minimalistisch beschallen mp3-Player und drei Lautsprecher mit diesem Song den Raum. Ein von Scheinwerfern angestrahltes Wolkenmobile wirft Schatten auf den Boden. Da kann der Regen kommen.


Der Vorhang aus schwarzen Plastikstreifen bildet ein schmales Zebramuster. Jeder Passant, der derzeit an der Galerie Artary vorbeiläuft, wird in ein Op-Art Muster zerlegt, von außen gesehen, ziehen schwarze Linien über den Raum. Das sieht ein wenig so aus, als stotterte ein Film. Der Vorhang, der sich auch im Eingangsbereich fortsetzt, wird leicht bewegt. Wären die Streifen bunt, wäre man an jene Vorhänge erinnert, die früher vor dem Inneren von Wohnwagen gespannt waren und so den Übergang zwischen Privat und Öffentlich markierten. Da sie schwarz sind, wirkt es weniger spielerisch, härter, zugleich schaffen sie einen deutlicheren Bezug zur Auseinandersetzung mit der Abstraktion, Karima Klasen, 1982 in Stuttgart geboren, hat für die Galerie Artary ein Ausstellungskonzept entworfen, das zugleich Raumkonzept ist. So setzt sich ihre Arbeit „Curtain“ in Lichtstreifen auf dem Boden fort, doch mehr noch wird ihre Einzelausstellung „Geometrical Constellations“ von einem übermannshohen Gebilde bestimmt, das aus drei Leinwänden zusammengefügt ist, und den Raum in verschiedene Segmente splittert.

Karima Klasen setzt sich in dieser Ausstellung obsessiv mit der Abstraktion auseinander, doch sie verfolgt diese Linie nicht so, dass nicht zugleich eine unerwartete Offenheit entstehen würde. So hat sie die Streifen gelben Kreppbands, das sie zum Abkleben der Leinwände verwendet hat, an der Wand zu einer Raute zusammengefügt. Hatte das Klebeband beim Malen ihrer symmetrisch aufgebauten Bilder noch dazu gedient, die Linien akkurat und farbsatt ziehen zu können, verbindet sich nun auf seiner Oberfläche die weiße und schwarze Farbe zu einer viel durchlässigeren Form von Malerei. Und mehr und mehr löst sich das Kreppband von der Wand, es rollt sich leicht an den Enden ein, so dass die Raute langsam ihre Form verliert. Karima Klasen erweitert das Positiv-Negativ-Prinzip der Op-Art, indem sie Kreisläufe schafft und alles aufeinander bezieht. Gebrauchtes Material wird zu einer eigenständigen Arbeit und an anderer Stelle wird es zum Untergrund einer Wandinstallation. Fläche und Raum beziehen sich aufeinander, das hat Konsequenz und zugleich Humor.


Bislang kannte man von Anne Lise Coste Sprüche wie „Professionalization is killing art“, die sich mir nichts dir nichts von der Leinwand lösten und sich im Kopf festsetzten mitsamt dem subversiven Witz der Französin, die auf der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich ihren Abschluss gemacht hat. Doch ihre aktuelle Ausstellung in der Galerie Reinhard Hauff ist anders. Keine Kommentare zur Gesellschaft und zum Kunstbetrieb und auch keine charmanten Strichzeichnungen, die sich an Comics und die Popkultur anlehnen. Coste, die seit dem Frühjahr 2010 in New York lebt, hat die Malerei und das Schwarz für sich entdeckt. Woran liegt es wohl, dass sich mit dieser Farbe immer noch existentielle Fragen verbinden? Genug gespielt also? Eindrücke von New York, die im Ankündigungstext der Ausstellung veröffentlich sind, scheinen das nahe zu legen. „Das genaue Gegenteil, wenn ich hier in die Subway gehe: unter der Erde, ohrenbetäubender Lärm, Vergänglichkeit, Schwarz, Neonlicht, Metall, Asphalt und Beton. und die Ratten und Kakerlaken“, folgt auf die Beschreibung ihres lichtdurchfluteten Ateliers. Und weiter: „dann war das vorbei. Es werden auch keine mehr folgen. keine Köpfe mehr keine Wörter mehr. manche nennen es Schweigen. ich widerspreche nicht.“

Und doch ist es ein sehr beredetes Schweigen, das aus diesen neuen Arbeiten spricht und das die Zwiesprache mit anderen sucht. Satt schwarz liegt die Farbe auf Anne Lise Costes Bildträgern. Unmöglich hier nicht an Pierre Soulages zu denken. Doch Anne Lise Coste verwendet häufig Holz als Untergrund und den Rakel, etwa bei ihrer Serie „Blackk“. Von Soulages Werken weiß man, dass wer mit Schwarz malt, immer auch mit dem Licht malt. Und auch Anne Lise Costes neue Arbeiten zeigen keine geschlossene Farbfläche, einfache geometrische Formen wie Kreise, Rechtecke und Quadrate lösen sich heraus und lassen die Farbe Schwarz mehr als nur Farbe sein, sie ist zugleich Konstruktionsprinzip. Man kann gespannt sein, wie es weiter geht.

Tim Rautert
Parrotta Contemporary Art

Augustenstr. 87-89, Stuttgart.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 19 Uhr, Samstag 11.00 bis 16.00 Uhr
Bis 11. November 2011.
Am 20. Oktober 2011 findet ein Künstlergespräch zwischen Timm Rautert und Hans-Dieter Huber statt.
Parrotta Contemporary Art


Halleluhwah! Hommage à Can
Galerie Abtart

Rembrandtstr. 18, Stuttgart
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14.00 bis 19.00 Uhr, Samstag 10.00 bis 13.00 Uhr.
Zur Ausstellung ist im modo Verlag ein Katalog herausgekommen, 168 S., 26 Euro, 32 Franken.
Galerie abtart


Karima Klasen.
Artary Galerie

Wilhelmstr. 5, Stuttgart.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 12.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 28. Oktober 2011.
Artary


Anne Lise Coste
Galerie Reinhard Hauff

Paulinenstr. 47, Stuttgart.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 13.00 bis 18.00 Uhr, Samstag 11.00 bis 15.00 Uhr.
Bis 29. Oktober 2011.
Galerie Reinhard Hauff