08/10/18

Kyra Tabea Balderer

Die in Leipzig lebende Schweizerin inszeniert augentäuschende Fotografien, die wie Malerei wirken

von Annette Hoffmann

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Kyra Tabea Balderer, Ohne Titel, 2016, Courtesy the artist
Wenn einem auf Flohmärkten oder in Familienalben alte Fotos in die Hände fallen – diese fremd gewordenen kartonierten Bilder, auf denen alle immer so steif wirken –, sieht man neben den porträtierten Menschen oft riesige Zimmerpflanzen. Das Fotografenatelier imitiert den Salon, auch wenn es bei denen, die sich hier feierlich verewigen ließen, vielleicht weniger großbürgerlich zuging. Auf Kyra Tabea Balderers Aufnahmen sind solche Pflanzen oder ähnlich repräsentative Objekte die Hauptpersonen. Doch halt, Aufnahmen? Obgleich Balderer (*1984) mittlerweile in Leipzig lebt, in der Hochburg einer artifiziellen, selbstreferentiellen Malerei, arbeitet sie tatsächlich mit der Großbildkamera. Dennoch kann man die Fotografien der Künstlerin, die in diesem Jahr mit dem Manor Kunstpreis Zentralschweiz Luzern ausgezeichnet wurde, leicht für Malerei halten. Zumal sie ihre Fotos oft vor farbigen Wänden und hintereinander gestapelt wie Bilder inszeniert. Die Fotografie jedenfalls war nie nur auf die Entdeckung neuer Welten ausgerichtet, sie zog sich immer schon ebenso ins Studio zurück, um dort Kunstwelten zu schaffen.

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Kyra Tabea Balderer, Ohne Titel, 2016, Courtesy the artist
„Palme“ heißt eine 2017 entstandene Arbeit von Kyra Tabea Balderer. Der ganze Bildraum ist voll mit gefiederten Palmenblättern. Sieht man diese, fügt der Verstand unweigerlich architektonische Versatzstücke dazu, weiße schmiedeeiserne Wendeltreppen oder ein Stück Verglasung wie man es aus den Palmenhäusern des 19. Jahrhunderts kennt. Nur, da ist nichts. Und schaut man genauer hin, erkennt man auch, dass die Lichtreflexe, die Plastizität und Raum vorgaukeln mit jener raffinierten Haltung gemalt sind, die Präzision mit Nachlässigkeit verbindet. Und überhaupt sind die Blätter glänzend silbern. Und ausgeschnitten sowieso. Balderer fotografiert Installationen und Skulpturen, die sie selbst schafft. Sie haben keinen anderen Zweck als fotografiert zu werden. Nicht grundlos nennt sie ihre Ausstellung im Kunstmuseum Luzern anlässlich des Manor Kunstpreises „Szenario“. Die junge Künstlerin ist nicht die einzige, die Pappobjekte und Materialcollagen baut, um sie dann mit der Kamera festzuhalten. Die in Zürich lebende Shirana Shahbazi kreiert ebenfalls Situationen, bei ihr sind sie oft an den Konstruktivismus angelehnt, um die Grenzen der Fotografie zu verunklären. Und dann ist da natürlich auch Thomas Demand, der mit fotografierten Modellen von zeitgeschichtlichen Orten bekannt wurde. Balderer bezieht ihre Bildreize hingegen aus dem Stadtraum und aus Reproduktionen von Kunstwerken.

Dabei entstehen Bilder, die haarscharf an dem vorbeigehen, was wir unzählige Male gesehen haben. Die Stufen einer Wendeltreppe etwa, die wie bunte Fächer zwei ineinander verschränkte Spindeln umgeben. Niemand könnte sie betreten. Oder die starr wirkenden Federn von „Peacock“ aus dem Jahr 2016, die einmal ganz ohne die irrlichternde Farbigkeit des Gefieders eines Pfaus auskommen. Kyra Tabea Balderer gibt der Fotografie eine Tiefe, die sie auch durch besonders sorgfältige Prints erreicht. So ganz ohne Aufwand geht es nicht, will man die Augen täuschen..            

 

Kyra Tabea Balderer: Szenario.
Manor Kunstpreis Zentralschweiz Luzern.
Kunstmuseum Luzern
Europaplatz 1, Luzern.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.
13. Oktober 2018 bis 6. Januar 2019.

Zur Ausstellung erscheint eine Publikation: Revolver Verlag, Berlin 2018, 96 S. 24 Euro | ca. 25 Franken.

 

 

 




Kunstmuseum Luzern