14/10/11

Ornament heißt Krise

Die Ausstellung „Political Patterns“ in der Stuttgarter ifa-Galerie erkundet kritische Nutzungen des Dekors.

von Sophie Diesselhorst
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Die Ausstellung „Political Patterns“ in der Stuttgarter ifa-Galerie erkundet kritische Nutzungen des Dekors.Gharem

Als „vergeudete Arbeitskraft und dadurch vergeudete Gesundheit“ bezeichnete der Architekt Adolf Loos 1908 das Ornament in seiner berühmt-berüchtigten Polemik „Ornament und Verbrechen“. Er behauptete: „Ornamentlosigkeit ist ein Zeichen geistiger Kraft.“ In seinem Essay zur Ausstellung „Political Patterns“ in der ifa-Galerie nimmt der Philosoph Burghart Schmidt diesen Faden auf und schreibt von der Ornamentfreude als „Symptom für besonders tiefe Krisen“. So könnte man die Schau über das „Ornament im Wandel“ als eine Versammlung ratloser Künstler verstehen, die sich in Ermangelung von „geistiger Kraft“ ins Dekorative flüchten. Wäre da nicht ihr Anspruch, auf politische und gesellschaftliche Missstände hinzuweisen. „Political Patterns“ versammelt acht Künstler mit einer entscheidenden Gemeinsamkeit: Alle verwenden das Ornament als Maßstab einer utopischen, ewigen Ordnung und als Kulisse, vor der diese Ordnung mehr oder weniger subtil gestört wird.

Sechs der acht Künstler, die Kuratorin Sabine B. Vogel ausgewählt hat, stammen aus dem arabischen Raum, sind also durch die islamische Tradition besonders vertraut mit dem Ornament als raffiniertem Ausdrucksmittel. Sie haben sich diese Tradition auf sehr unterschiedliche Art zu Eigen gemacht und sich dabei durchaus auch von anderen Kultursträngen beeinflussen lassen. Insofern erfüllt die Ausstellung zumindest teilweise den Anspruch der Reihe „Kulturtransfers“, in deren Rahmen sie ausgerichtet wird: nämlich die gegenseitige Beeinflussung verschiedener Kulturen zu thematisieren. Da ist zum Beispiel Abdulnasser Gharem aus Saudi-Arabien. Bei ihm bewegen sich schemenhafte Soldaten durch eine ornamentale Landschaft. Sie wirken orientierungslos, und bei genauerem Hinsehen scheint sich das Muster im oberen Bereich des Bildes nach unten aufzulösen. Ebenfalls erst bei genauerem Hinsehen entdeckt man, dass es bei Gharem, der auch als Major in der saudischen Armee dient, zwei Ornament-Ebenen gibt: Die gesamte Bildfläche ist fein säuberlich gepflastert mit arabischen Stempeltypen, die unter dem Bild fast verschwinden. Doppeldeutig geht es auch bei Aisha Khalid aus Lahore in Pakistan zu. Sie hat auf eine große weiße Fläche, die eine Wand sein könnte, runde schwarze Gebilde geworfen. Alle diese „Ornamente“ sind gleich klein und besitzen identische Widerhäkchen. Was sind sie? Etwa Käfer, die dabei sind, sich zu einem symmetrischen Gruppenbild zu formieren? Wenn man ein wenig nach hinten tritt, dann wird es auf einmal klar: Das sind keine Tierchen, sondern Einschusslöcher. Dazu erklärt Aisha Khalid im Katalog: „Es ist ähnlich wie der Schmerz und das Leid, das die Dichter in Worten voller Schönheit zum Ausdruck bringen. Ich will die Dinge nicht einfach nur zeigen, wie sie sind, sondern sie auf eine solche Weise darstellen, dass der Betrachter über diese Arbeit reflektiert und nachdenkt.“

Eine ganz andere Bedeutung hat das Ornament für die Libanesin Zeha el Khalil, die sagt: „Früher halfen Arabesken, Gott zu finden. Ich suche zwar nicht nach Gott, aber diese wiederholenden Tätigkeiten machen mich glücklich.“ In ihren pop-artigen Arbeiten setzt sie auf starke Kontraste. Vor rosa grundierten Blumenmustern posieren „Emperor“ und „Emperess“ (Kaiser und Kaiserin) mit dem Maschinengewehr im Anschlag. Da ist eine schöne Ordnung, aber auch ein unschönes Gerät, das sich sehr gut dazu eignet, diese Ordnung zu zerstören. Zum Gefängnis wird die Ordnung bei der in Österreich lebenden, in Bulgarien geborenen Adriana Czernin. Das Ornament ist in ihrem großflächigen Bild ein undurchdringliches Gitter. Die Frau, die panisch daran entlang hastet, wird durch schwarze Schleier lediglich angedeutet. Das Kopftuch denkt man sich automatisch dazu.

Auch sonst wird leider sehr der Holzhammer geschwungen – sitzt das künstlerische Misstrauen gegen das Ornament doch tiefer als die Ausstellung glauben machen will? Rührt vielleicht daher der augenfällige Drang einiger Künstler, starke, notfalls auch simpel gestrickte Nachrichten zu verbreiten? Lohnenswerter als das, was am Ende dabei herausgekommen ist, ist in vielen Fällen die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Ornament – nachzulesen im Katalog, der Interviews mit allen beteiligten Künstlern versammelt.

Political Patterns: Ornament im Wandel.
ifa-Galerie Stuttgart

Charlottenplatz 17, Stuttgart.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 12.00 bis 16.00 Uhr.
21. Oktober bis 18. Dezember 2011.
Katalog zur Ausstellung: ifa-Verlag, Berlin 2011, 122 S., 10 Euro.
Bis zum 3. Oktober 2011 war die Ausstellung in der ifa-Galerie Berlin zu sehen.
ifa Galerie