05/09/18

Elektromagnetische Wellenbäder

Das Museum Frieder Burda in Baden-Baden hat dem Lichtkünstler James Turrell eine glühende Retrospektive eingerichtet

von Yvonne Ziegler

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James Turrell, Ganzfeld Apani, 2018, Ausstellungsansicht Museum Frieder Burda, Baden-Baden, 2018, © James Turrell, Foto: Florian Holzherr
Pünktlich zum Sommer hat das Museum Frieder Burda in Baden-Baden dem US-amerikanischen Künstler James Turrell (*1943) eine retrospektiv angelegte Lichtkunstausstellung ausgerichtet. Das vom Tageslicht durchflutete Museum wurde dazu verrammelt und mit aufwendigen Einbauten versehen. Gleich im Erdgeschoss trifft man auf den eindrücklichsten Lichtraum: das Ganzfeld-Piece „Apani”, das 2011 auf der Biennale in Venedig zu sehen war. Über eine kleine Treppe mit Schutzüberschuhen begehbar, geht es im Inneren leicht bergab. Die Längskanten des in einem speziellen Weiß gestrichenen Raums sind abgerundet. Aus einem zweiten, „unsichtbaren” Raum dringt Farblicht, das den betretbaren Raum in homogenes Licht taucht. Da die Leuchtmittel versteckt und alle Ecken und Kanten abgerundet sind, gehen Tiefe und Beschaffenheit des zweiten Raums vollkommen verloren. Man meint stattdessen eine nicht fassbare, neblige Farbwand zu sehen, die sich kaum merklich farblich verändert. Die Stimmung changiert von Weiß über Hellblau zu Pink bis zu sattem Orange. Dabei verschwimmt manchmal sogar kurzzeitig die Konturlinie zwischen den Räumen. Hin und wieder ändern sich die Farben für einen kurzen Moment schnell flackernd, so dass man meint, sensorische Aussetzer zu haben.

Diese Erfahrung kommt dem Ganzfeld-Effekt nahe, der sich einstellt, wenn das Sehfeld über längere Zeit hinweg einem konstanten, homogenen Reiz ohne jegliche Kontraste ausgesetzt wird. Für Turrells Beschäftigung mit Raum-, Licht- und Farbwahrnehmung war seine Teilnahme am „Art and Technology”-Programm des Los Angeles County Museum of Art Ende der 1960er Jahre prägend. Dort erkundete er die Effekte sensorischer Deprivation, unter anderem auch den Ganzfeld-Effekt. Darüber hinaus studierte Turrell neben bildender Kunst auch Mathematik, Astronomie und Psychologie. Zu Beginn seines Schaffens erprobte er durch Projektion einer geometrischen Fläche auf eine Raumecke, wie man mit Licht immaterielle dreidimensional erscheinende Kunstwerke erzeugen kann.

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James Turrell, Accretion Disk, 2018, Ausstellungsansichten Museum Frieder Burda, Baden-Baden, 2018, © James Turrell, Foto: Florian Holzherr
Eine frühe Arbeit, „Raethro Green” (1968), ist im Obergeschoss des Museums zu sehen. Das Umkippen ins Dreidimensionale funktioniert aber nicht sehr gut. Um die Präsentationskoje herum hängen sehenswerte Aquatinta-Arbeiten von grafisch geformten Projection-Pieces. Allerdings geht ihre Feinheit in der ungünstigen Restlichtatmosphäre des zugebauten Museums ziemlich unter. Weniger überzeugend sind auch die wie Lückerfüller über das Haus verteilten Hologramme.

Im Laufe der künstlerischen Entwicklung ging Turrell zu immer komplizierteren Raumanordnungen über, die wie „Apani” die Betrachter in farbiges Licht tauchen oder sie mit zu schweben scheinenden Farblichtwänden konfrontieren. Nach seinem Bezug zu Licht und Farbe gefragt, antwortet er, dass beides immer schon Teil der Malerei gewesen sei und er in seinen Installationen möglichst alle Farben erscheinen lasse, da Farbe sehr subjektiv erfahren werde und er diese nicht symbolisch einsetzen möchte. Für den Besuch seiner Erfahrungsräume sollte man sehr viel Zeit mitbringen. Neben „Apani” und „Raethro Green” ist ein Raum aus der Wedgework-Serie zu sehen, der mit Lichtschlitzen und Raumsegmenten arbeitet. Zudem befindet sich im Untergeschoss ein vom Sammler neu angekauftes ovales Farblichtfeld, das permanent installiert wurde. Ganz oben ist eine Arbeit, bei der vor zwei Lichträumen jeweils eine Platte befestigt ist, so dass das Farblicht an den Rändern in den mittigen Betrachterraum dringt. Faszinierend sind insbesondere bei der letzten Arbeit die Effekte, die sich ergeben, wenn man aus dem Raum hinausschaut und die Komplementärfarbe erscheint. Im letzten Winkel trifft man schließlich auf Fotografien und sorgfältig gearbeitete Modelle von Turrells Lebenswerk, dem Roden Crater. Der passionierte Flieger hatte Anfang der 1970er Jahre in der Wüste Arizonas einen erloschenen Vulkan entdeckt, den er seither mit Tunneln und Räumen versieht, die auf kosmische Licht-Ereignisse von Sonne, Mond und Sternen ausgerichtet sind.       

 

James Turrell: The Substance of Light.
Museum Frieder Burda
Lichtentaler Allee 8, Baden-Baden.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 28. Oktober 2018.


 

 




Museum Frieder Burda