19/10/11

Blinde Flecke im Hohlspiegel der Geschichte

Diskontinuität von Geschichte: Edgar Arceneaux' „Hopelessness Freezes Time“ im MGK Basel.

von Sören Schmeling
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Diskontinuität von Geschichte: Edgar Arceneaux' „Hopelessness Freezes Time“ im MGK Basel.Edgar Arceneaux

Im Schummerlicht hängt ein Farbeimer an einem Draht, darüber ein leuchtender Kugellampion, wie man ihn aus einem großen schwedischen Möbelhaus kennt. Schubst man das Lichtpendel an, bewegt sich der Schein durch einen Raum, der von einfachen Stahlregalen umstellt ist, wie sie in muffigen Kellern oder Lagerhallen stehen. Der Keller von Edgar Arceneaux (*1972) muss feucht und zuckersüß gewesen sein. An den zerfressenen Kartons, die auf den obersten Regalböden lagern, wachsen kleine Zuckerkristalle, die wiederum von schwachen abgehängten Lämpchen zum Funkeln gebracht werden. Eine Zuckerkiste aus Wellpappe steht entblättert am Boden.

Die Kargheit des Settings der Industrieregale erinnert einerseits an Beuys’ „Wirtschaftswerte“, der Titel „Crystal Palace“ anderseits an das monumentale Glasgebäude von Joseph Paxton und Charles Fox für die Londoner Weltausstellung von 1851. Als einstiges Wahrzeichen des Industriezeitalters fiel es jedoch 1936 einem Brand zum Opfer. Vielleicht findet man deshalb an machen Kisten so etwas wie Brandspuren.

Die düstere Atmosphäre zieht sich wie Endzeitstimmung durch die gesamte Ausstellung. Doch anders als bei Beuys’ „Wirtschaftswerten“ im Stedelijk Museum, flankieren Arceneaux’ Installation nicht kostbare Ölgemälde, sondern Leinenfahnen, auf denen organische Gebilde wie Geschwüre oder ulkige Wurstmännchen gemalt sind. Unterschrieben allesamt mit politischen Worthülsen, in schwächelnder Rechtschreibung: „CTII GONNVEREMENT“, „PUILBC SIVEERCS“, „EDCAITUON“ oder „BNAKS“. Nicht Bilder einer verkonsumierten Hochkultur geben, wie bei Beuys, die kritische Folie für die poveren, unverbrauchten Grundnahrungsmittel der DDR. Arceneaux‘ Hintergrund sind grob gemalte Geschwülste und vom politischen Sprachkonsum ausgezehrte Worthüllen, die wie Hilfeschreie bildungsferner „Schichten“ niedergekritzelt sind, davor ausgebrannte, kristallisierte Warenverpackungen.

Wirtschafts-, Utopie- und damit auch Sozialkritik mischen sich als fortlaufende Parameter in die Dunkelheit der Ausstellung. Einen Brennpunkt bildet dabei die seit den 60ern niedergehende Autostadt Detroit, die Arceneaux, angeregt und begleitet vom Kunsthistoriker Julian Myers, seit 2006 in einer Art postmoderner Archäologie untersucht.

Am 26. Juli 1967 titelt „The Detroit News“: „Zwölf weitere Tote bei Unruhen“. Arceneaux überklebt die Seite mit der Magazinfotografie einer durch Kurzzeitbelichtung eingefrorenen Welle. Mit Rot schreibt er darauf die Zeilen, die seiner Einzelausstellung den Titel geben: „Hoplessness Freezes Time“. In ähnliche Collagen hat er Löcher geschnitten und sie mit schwarzem Samt hinterlegt. „Holes and Waves“ nennt er den Zyklus oder ein mit schwarzen Flecken besetztes Bild „Holes in History“. Zwar arbeitet Aceneaux, wie in seinem Detroitprojekt, durchaus historisch: er greift Abbildungen von Ruinen illegaler Bars auf – den zur Zeit der Rassenunruhen sogenannten „Blind pigs“ und schafft damit Sinnbilder für die fortschreitende soziale Devastierung. Doch seine fragmentierten Arbeiten verweisen zugleich auch auf die Diskontinuität von Geschichte, die ähnlich dem blinden Fleck, sich einer Interpretation verweigert. Ähnliches erzeugen auch seine intuitiven Verquickungen: Da taucht Mr. Spock aus Star Treck auf, einen Roman des Sciencefictionautors Isaak Asimov aus den 70ern in den Händen haltend. Dann mischen sich Verweise auf den harten Detroit Techno von Drexciya aus den 90ern mit der gewaltigen Arbeit „Dragged Mass“ von Michael Heizer, bei der dieser 1971 Erde durch einen von zwei Bulldozern gezogenen Marmorblock aufschob. Gerade die utopistische Ikonen sind es, die die soziale Realität ihrer Zeit aus- bzw. überblendeten. So fanden die meisten Landart-Projekte fernab in der Wüste mit hohem technischem Einsatz statt. Ein Faktum, das Arceneaux gerade mit Blick auf die Autostadt Detroit kritisch hinterfragt. In einer Mehrfachprojektion mit Dias, Beamern und 35mm-Filmen zeigt er einen PKW, der in der Wüste durch einen Spiegel rast: Folgt ein Film der Autofahrt chronologisch, werden im anderen über eine tatsächliche Spiegelscherbe Ausschnitte des Crashs und anderer Unfälle projiziert. Das Rattern des Films und das Ratschen des Diamagazins übersetzen zudem die brachiale Handlung akustisch. Nur das Video des Beamers zeigt das friedliche Bild eines Menschen, der einen Luftballon steigen lässt. Es ist vielleicht doch noch nicht alle Hoffnung erfroren.

Edgar Arceneaux.
Museum für Gegenwartskunst

St. Alban-Rheinweg 60, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 1. Januar 2012.
Edgar Arceneaux, Hopelessness Freezes Time – 1967 Detroit Riots, Techno and Michael Heizer’s Dragged Mass, 25 Franken.
Museum für Gegenwartskunst Basel