21/10/11

Cut durch die Pop-Art

James Bond & Pin-Ups von Davide Cascio und Peter Stämpfli sind im Kunstmuseum Thun zu sehen.

von Annette Hoffmann
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James Bond & Pin-Ups von Davide Cascio und Peter Stämpfli sind im Kunstmuseum Thun zu sehen.Davide Cascio

Bunt ist es zwischen den Reifenrillen, ein wenig eng und verwirrend verwinkelt. Geht man an den blauen und grünen Seiten entlang, stößt man unweigerlich auf eines der Interieurs von Davide Cascio. Cascio (*1976) hat sich von Peter Stämpflis (*1937) großformatigen Bildern von Reifenprofilen zu einer Stellwandkonstruktion inspirieren lassen. Was auf Stämpflis in knalligen Farben gehaltenen Abstraktionen ein System von Rillen bildet, die tief wie Schluchten zu sein scheinen, die aufeinanderstoßen, sich abgrenzen und doch miteinander agieren, ist bei Cascio zu einer begehbaren Architekturinstallation geworden. Wer sich an den Wänden vorbeizwängt, darf sich ein bisschen so fühlen als bewege er sich durch die Reifenprofile Stämpflis. Entstanden sind diese stark rhythmisierten Gefüge in den 1980er Jahren. Über zehn Jahre hatte sich Peter Stämpfli zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem Autoreifen als Motiv auseinandergesetzt. Das Interesse des Grafikers an der Lineatur und der zeichenhaften Information verbindet sich mit der popkulturellen Faszination des Zeitgenossen für Geschwindigkeit und den mondänen Lebensstil. Die Pop-Art fungiert in der gemeinsamen Ausstellung von Peter Stämpfli und Davide Cascio im Kunstmuseum Thun auch als Bindeglied zwischen den beiden Künstlern, die eine Generation voneinander trennt.

„James Bond & Pin-Ups“, so der Titel der Ausstellung, bildet einerseits eine Schnittmenge zwischen ihnen und führt andererseits doch in die Irre. Denn so plakativ wie etwa Mel Ramos geben sich die beiden nicht. Peter Stämpflis Querformat „James Bond“ zeigt kaum mehr als zwei Hände am Steuer eines Wagens vor einem monochromen Hintergrund, der sich nicht von jenem unterscheidet, mit dem Stämpfli einen nicht minder kühl wirkenden Kuchen mit Schokoladenglasur hinterlegt hat. Den Agentenfilm dazu muss der Betrachter selbst im Kopf auslösen. Und Davide Cascios Collagen „Pin-Ups“ tragen Namen von geometrischen Körpern und Badeanzüge von der Erotik eines Sanitärbedarfs oder Rüstungen wie die Heilige Johanna. Und überhaupt, so lesen wir in der „Pin-Up Cosmogony“ aus dem Jahr 2007 neben dem Rezept eines Mojito, könne ein Pin-Up all das repräsentieren, was wir lieben, sein möchten oder besitzen wollen. Wird hier etwas fetischisiert, dann die Struktur. Auch wenn er eine Lippenstiftskulptur schafft, zitiert Cascio in der Hülle Architektur- und Kunstgeschichte. Und so ist weniger die Zeit der Pop-Art der gemeinsame Fluchtpunkt— obgleich Davide Cascio für seine Collagen in Warenkatalogen der 1960er und -70er Jahre zu stöbern scheint — als deren Konstruktion und utopisches Versprechen einer Niederschwelligkeit und Verschmelzung von High und Low. Denn der Schnitt, mit dem Cascio seine Motive aus ihrem Kontext herausreißt und neu zusammenfügt, ist so scharf wie die akkuraten Kanten, mit denen Peter Stämpfli seine Farbflächen voneinander abhebt. Und doch ist es eben nicht die Malerei, der Davide Cascio das Potential zutraut, derart amorphe, assoziative Entwürfe zu leisten.

Interessiert sich Peter Stämpfli noch für die Oberflächen, die er in „Ligne continue“ aus dem Jahr 1974 durch das Abfilmen von Seitenstreifen und Straßenmarkierungen sowie in dem glänzenden Chrom von „Firebird“ feiert, nimmt Davide Cascio das Material zum Anlass geometrischer und kristalliner Formen. So in seinen Wandteppichen, die ebenfalls auf der Grundlage der Collage beruhen, so aber auch in seiner Installation „Re-Building“, die er aus sechseckigen dreidimensionalen Holzsegmenten mit farbigen Glaselementen zusammengefügt. Ein wenig glaubt man hier die Avantgarde neuer mobiler Wohnformen vor sich zu haben, denn immer wieder sucht Davide Cascio die dreidimensionale Umsetzung. Seine softeisfarbene Skulptur „Interieur“, eine modellierte Landschaft mit Mulden, die wären sie nicht aus Teppich als Haustiertränken genutzt werden könnten, bezieht sich auf eine von Le Corbusiers Betonskulpturen, die er für die „Unité d’Habitation“ entworfen hatte. Die Utopie ist in der Kunst angekommen.

Davide Cascio und Peter Stämpfli, James Bond & Pin-Ups.
Kunstmuseum Thun

Hofstettenstr. 14, Thun.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 19.00 Uhr.
Bis 20. November 2011.
Es erscheint ein Katalog im Verlag für moderne Kunst Nürnberg.
Kunstmuseum Thun