06/07/18

Leuchtmunition gegen die Bilderflut

Die Kunsthalle Mannheim, die das Museum für das 21. Jahrhundert wiedererfinden will, zeigt eine konzentrierte Werkschau von Jeff Wall

von Christian Hillengaß

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Jeff Wall, Picture for Women, 1979, Courtesy the artist, © Jeff Wall
Mit einem „Grand Opening“ eröffnete die Kunsthalle Mannheim am 1. Juni 2018 ihr neues Gebäude, das in den letzten drei Jahren am Rondell um den Wasserturm entstanden ist. Den monumentalen Neubau des Hamburger Architekturbüros gmp wollen die Verantwortlichen um Direktorin Ulrike Lorenz mit einem Geist erfüllen, der die Institution zukunftsoffen, digital, politisch und bürgernah gestaltet. Für Lorenz geht es dabei um nichts Geringeres als die Arbeit an einer „Wiedererfindung des öffentlichen Museums unter den Rahmenbedingungen des 21. Jahrhunderts“. Der Enthusiasmus, mit dem sie das auf der Eröffnung verkündete, verspricht viel. Vielversprechend ist auch die erste Sonderausstellung, mit der das Haus einem Künstler Raum gibt, der gewissermaßen eine Wiedererfindung der Fotografie unter den Rahmenbedingungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts geleistet hat: Jeff Wall.

Mit seinen großformatigen, in Leuchtkästen gespannten Diapositiven, hat der kanadische Künstler neues künstlerisches Potenzial der fotografischen Darstellung erschlossen. Er verleiht den Aufnahmen damit eine effektvollere, beinahe dreidimensionale Wahrnehmungsebene. Durch die so erzeugte Lebendigkeit nähert er sich der Schwelle zum bewegten Bild so stark, dass die faktische Starre der Fotografien immer wieder irritiert. Das mag auch damit zu tun haben, dass seine Motive in den Köpfen der Betrachter Geschichten anregen, die einem Film oder inneren Bildern beim Bücherlesen gleichkommen. „Cinematography“ nennt Wall dieses Zauberwerk. Wie in einer intuitiven Vorwegnahme der digitalen Bilderflut hat er damit bereits in den 1970er Jahren ein einnehmendes Format entwickelt, das seine Fotografie gegen die wachsenden Wahrnehmungsdefizite des 21. Jahrhunderts imprägniert. Mit seiner akribischen Arbeitsweise und verhältnismäßig geringer Produktion verleiht er jedem einzelnen Motiv zusätzliche Kraft. Der 71-Jährige hat in seinem Leben nicht mehr als 200 Fotografien veröffentlicht. 30 davon – vorwiegend aus seinem späteren Werk – sind nun in der Ausstellung „Appearance“ in Mannheim zu sehen. Neben Farbaufnahmen in Leuchtkästen werden auch großformatige Papierabzüge in Farbe und Schwarz-weiß gezeigt.

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Jeff Wall, Search of premises, 2009, Courtesy the artist, © Jeff Wall
Gleich zu Beginn der Schau werden mit „Picture for Women“ von 1979 die Referenzen sichtbar, mit denen Wall sein Werk immer wieder in der Geschichte der modernen Malerei verwurzelt. In diesem Fall ist es – wie häufig – eine Bezugnahme auf Edouard Manet. Die junge Frau, die in Walls Fotografie vor einer Spiegelwand steht, lässt an jene denken, die in „Un bar aux Folies-Bergère” von 1882 am Tresen steht. Im Gegensatz zu Manet spiegelt sich allerdings nicht der Trubel einer Feiergesellschaft im Hintergrund, sondern ein leeres Atelier, in dem sonst nur noch der Künstler selbst anwesend ist. Die Bildmitte wird von einer Fotokamera auf Stativ eingenommen, die der junge Jeff Wall per Kabel auslöst. Auf der gegenüberliegenden Wand im ersten Ausstellungsraum ist die Malerei des 19. Jahrhunderts ebenfalls in der Fotografie vertreten. Diesmal in Form des Panoramabildes im Luzerner Bourbaki-Pavillon, auf dem Edouard Castres 1881 den Rückzug der französischen Armee im Krieg von 1870/71 darstellt. Wall inszeniert auf dem fast fünf Meter breiten Bild eine Restauratierung des Gemäldes. Der sinnend-verträumte Blick einer der Restauratorinnen ähnelt dem der Frau auf „Picture for Women“ und der von Folie-Bergère. Es ist ein Blick, der die Stimmung wiedergibt, die sich beim Betrachten von Walls Werken leicht bei den Betrachtenden selbst einstellen kann. Dann, wenn die von ihm erzeugten Bildwelten aus nachgestellter Realität oder reiner Fiktion ihre entrückende Wirkung entfalten – wenn Hotelflure, Nachtclubs, Baugruben, Wohnzimmer und Küchen Geschichten anstoßen und ihre sinnlichen Eindrücke entfalten. In so einer Stimmung wirken auch die großen Glasfenster des Mannheimer Neubaus wie Lichtboxen mit städtischen Szenen. Dass die Kunsthalle mit Jeff Wall eröffnet, leuchtet ein.        

 

Jeff Wall: Appearance.
Kunsthalle Mannheim
Friedrichsplatz 4, Mannheim.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr. Bis 9. September 2018.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Edition Cantz, Esslingen 2018, 144 S., 29,95 Euro.

 

 





Kunsthalle Mannheim