05/07/18

Die Konzeptualisierung der Form als Rebellion

Die Kunsthalle Bern ehrt ihren berühmten einstigen Leiter Harald Szeemann in einer großen Ausstellung samt umfangreichem Katalog

von Julia Hochstenbach

szeemannobssessionen.jpgDie Kunsthalle Bern ehrt ihren berühmten einstigen Leiter Harald Szeemann in einer großen Ausstellung samt umfangreichem Katalog
Immer wieder ist es die Rebellion, die Neues hervorbringt, Koordinaten verschiebt, Dinge in Bewegung versetzt. Der Widerstand gegen alte Denkmuster muss nicht gewalttätig sein, selbst wenn er radikal ist, Verstörung und Wut erregt. Denn ist es in Wahrheit gewalttätig, wenn in einer Kunstaktion mit einer Abrissbirne der Boden eines Museumsvorplatzes zerschlagen oder an den kunsttragenden musealen Wänden der Putz abgekratzt wird? Nein, auch wenn die Berner Öffentlichkeit 1968 angesichts der Jubiläumsausstellung der Berner Kunsthalle „Live in Your Head. When Attitudes Become Form“ es so empfand – und daher so massiv gegen deren Leiter Harald Szeemann Front machte, dass dieser schließlich seinen Job niederlegte. Gewalt, wesentlich in Intention und Wirkung gelegen, kann vom harmlosesten Gegenstand, von einem Handzeichen ausgehen. In der Ausstellung aber war sie höchstens auf geistig-emotionalem Gebiet zu finden, im symbolischen Angriff auf Werte, Anschauungen, Denkmuster.

Solche Vorgänge gehörten zum Kern der Arbeit des gebürtigen Berners Szeemann (1933-2005), der seit 1969 als freier Kurator mit denkwürdigen weltweit beachteten Ausstellungen Furore machte. Zu ihrem Hundertsten ehrt die Kunsthalle Bern inmitten einer Serie von Jubiläumschauen nun ihren berühmtesten Direktor, der sie zwischen 1961 und 1969 in den internationalen Rang erhoben hatte. Man mag der Stilisierung Szeemanns zur „Kuratorenlegende“ kritisch gegenüberstehen, mag sich fragen, ob eine Ausstellung über Ausstellungen interessant sein kann. Doch die Schau, organisiert vom Getty Research Institute, Los Angeles, das auch den Nachlass Szeemanns mit einbringt, und der Kunsthalle Bern, spricht für sich selbst. Ein eigenartiger Geist weht einem beim Schlendern durch die Kunsthalle entgegen: jener vielleicht des „Museums der Obsessionen“, das keine geplante Institution war, sondern eine von Szeemann so titulierte, lebenslang gesuchte Geisteshaltung und (künstlerische) Erlebensqualität. Sie findet sich in seinem unermüdlichen Entdecken und Fördern von Künstlern und Werken, zusammengesucht auf Reisen quer durch die ganze Welt, darunter Mario Merz, Richard Artschwager, Lawrence Weiner, Jannis Kounellis, Ben Vautier oder Roy Lichtenstein. Sie findet sich in seinen aufbruchslustigen Ausstellungen, in denen Szeemann den Kunstbegriff veränderte, die Verwendung „poverer“ Materialien stärkte, das Interesse vom Resultat auf den Prozess verschob, die Positionen von Atelier, Galerie und Museum sprengte, etwa in der atemberaubenden Documenta 5 (1972) oder der Kölner Schau „Happening und Fluxus“ (1970). Zugleich krempelte Szeemann das kuratorische Selbstverständnis um. Er erfand die thematische Gruppenausstellung, nahm auch Abseitiges wie „Science Fiction“ oder die „Kunst von Geisteskranken/Art brut“ ins Visier und beleuchtete geis­tige Strömungen des 20. Jahrhunderts unter Aspekten wie „Junggesellenmaschinen“ (1975) oder den „Hang zum Gesamtkunstwerk“ (1983).

Im kuriosen Sammelsurium der Berner Kunsthallenschau spiegelt sich spielerisch Szeemanns Präsentationspraxis, sein spartenübergreifender Blick wie seine Liebe zum Abseitigen: Kunst stand neben Votivbildchen, kopierten Zetteln oder der skulpturalen Umsetzung der nur literarisch existenten Hinrichtungsmaschine aus Kafkas „In der Strafkolonie“. Und auch hier begegnen wir dem Thema der Form, die der 50-Jahres-Ausstellung ihren Titel gab: Die Abrissbirne Michael Heizers, Joseph Beuys‘ Fettecken und die Verpackung der gesamten Kunsthalle durch Christo und Jeanne-Claude sind hauptsächlich Geist – Widerstand gegen Bequemlichkeit, eine lichte, klare Befragung alter Ordnungen und anderes mehr. Die Konzeptualisierung der Form aber war nicht nur Vergeistigung, sondern auch Unterwanderung. Wenn die Form ihre Materialität und Funktion in Antagonistisches umdeutet, gerät ihre generelle Geltung ins Wanken – eine wunderbare Rebellion, von der aus Szeemann immer wieder künstlerische Bewegungen anstieß.  

     

Harald Szeemann: Museum der Obsessionen.
Kunsthalle Bern
Helvetiaplatz 1, Bern.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 2. September 2018.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Museum der Obsessionen, Scheidegger & Spiess, Zürich 2018, 416 S., 75 Euro | 68 Franken.

 

 





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