04/07/18

Vom Hölzchen aufs Knöchelchen

Die Werkschau von Steiner & Lenzlinger im Museum Tinguely feiert den Hybrid

von Annette Hoffmann

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Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger, Die Konferenz, 2010, Installationsansicht, © 2018 Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger
Ausstellungen im Museum Tinguely haben schon immer viel von einem verlangt. Doch diesmal geht es darüber hinaus, einen Schaltknopf zu bedienen und vor einem Kunstwerk auszuharren, bis die Performance vorbei ist. Gerda Steiner (*1967) und Jörg Lenzlinger (*1964) wollen sozusagen alles von uns. Unsere Tränen, unseren Schweiß und unser „a”. Schon seit Beginn ihrer künstlerischen Zusammenarbeit legen die beiden Wert darauf, dass wir uns wohlfühlen. Als sie 2003 zur Biennale nach Venedig eingeladen waren, schufen sie für alle Erschöpften einen hängenden Garten, der durch seinen Charakter als künstliche Natur bestach.

In ihrer Basler Ausstellung „Too early to panic“ überlassen sie dem Besucher gleich selbst die Entscheidung, wie man sich dieser überbordenden Werkschau nähert. Denkt man, es sei für Panik eh zu spät und drückt die Klinke einer niedrigen Tür herunter, steht man in einem rustikalen Geräteschuppen mit verschiedenen Hacken und Schaufeln, aber auch mit einem ausgestopften Eichhörnchen, einer Flasche „Ranzenvollnahrung“, was auf dem Etikett voll eingelöst wird, und anderen hybriden Gegenständen. Hat man diese Passage hinter sich gelassen, gelangt man in den retrospektiven Teil der Werkschau. Dort, wo Fliegenpilze auf einer LP kreisen, Samenstände auf das nächste Frühjahr warten und Harnkristalle wachsen.

Indem sie kaum zwischen organisch und anorganisch unterscheiden, unterlaufen Steiner & Lenzlinger die üblichen Klassifikationen. In ihren Mobiles finden sich Hölzchen und Knöchelchen, aber auch eine Ananas aus Metallpapier oder eine Schlange aus Plastik. So knüpfen sie an Wunderkammern und Kuriositätenkabinette an und blicken aus der Zukunft auf unser Ordnungssystem. Von dort aus kann es durchaus vorläufig wirken. Alles wird dadurch einander ähnlich und die Analogie zur vorherrschenden Denkfigur. Eine Fotoserie führt selbst das Abstruses­te auf die Fruchtbarkeit zurück, in einer Vitrine sind unterschiedlichste Heilmittel gegen Kopfschmerzen versammelt, sie reichen von Räucherwerk über Kuhfladen bis zu Pharmazeutika. Der Mensch ist als Teil des Systems Sender und Empfänger. Er kann den Kammerton „a” singen und dadurch seine Blume erkennen, Tränen spenden, damit diese mit jenen verglichen werden, die in Japan nach dem Unglück von Fukushima vergossen wurden. Und er kann an einem Fitnessgerät mit Armen und Beinen Gewichte stemmen. Dann beginnen die Engelsflügel zu schlagen und es öffnen sich zwei Gefriertruhen, aus denen Tierschreie zu hören sind. Und da wir schon so eingelullt sind, stört der Kitsch auch nicht mehr. Wer jetzt nach draußen flieht, findet sich vor einem Container mit invasiven Arten und Plastikblumen wieder: die Vereinigung von Kunst und Natur ist längst nicht mehr rückgängig zu machen.        

 

Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger, Too early to panic
Museum Tinguely
Paul-Sacher-Anlage 1, Basel.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 23. September 2018.

 





Museum Tinguely