03/07/18

Ohne Schall und Rauch

Das Kunstmuseum St. Gallen widmet Roman Signer eine ungewöhnlich stille, aber sehenswerte Schau

von Alice Henkes

romansignerinstallation.jpgRoman Signer, Fahrrad mit gelbem Band, September 1982, alle Installationsansicht Kunstmuseum St. Gallen, Fotos: Sebastian Stadler
Beim Namen Roman Signer denken viele Kunstinteressierte an explosive Aktionen. Der 1938 im Appenzell geborene Künstler hat sich dem breiten Publikum vor allem mit seinen Sprengungen ins Gedächtnis eingeschrieben. In St. Gallen, seit den 1970er Jahren Signers Wohn- und Arbeitsort, ist nun die Ausstellung „Spuren“ zu sehen, die ganz ohne Schall und Rauch auskommt, die dafür aber die besondere Beziehung des Künstlers zum Kunstmuseum beleuchtet.

Das Kunstmuseum St. Gallen, ein prächtiger zweistöckiger Bau im Stil der Neorenaissance, wurde im Oktober 1877 feierlich eingeweiht. Knapp hundert Jahre später, im Jahr 1970, musste das Haus wegen Baufälligkeit geschlossen werden. Erst 1987 wurde das Kunstmuseum St. Gallen nach umfangreicher Renovierung wiedereröffnet. In den dazwischen liegenden Jahren gab es hitzige Diskussionen um Umfang und Kosten der Restaurierungsarbeiten. Auch ein Abriss des Gebäudes wurde erwogen. Doch auch in der Zeit, als es nicht geöffnet hatte, war das Kunstmuseum, zumindest zeitweilig, belebt. Roman Signer richtete sich 1980 einen Sommer lang in den schlafenden Ausstellungsräumen ein und nutzte sie als Labor für eine Reihe von Arbeiten, die für sein eigenes Atelier zu gross waren. Signer liess sich von den räumlichen Gegebenheiten des Museums inspirieren. Er experimentierte mit Wassereimern, Fässern, Balken, Sandbergen. Er hängte in einem der leeren Säle einen randvoll gefüllten Wassereimer auf, den er dicht über dem staubigen Boden pendeln liess. Eine „mechanische Putzfrau“ nennt Signer schalkhaft diese Aktion, bei der das Wasser in breiten Wogen aus dem Eimer spritzt und dabei viel Staub aufwäscht. Er fuhr mit einem Velo weite Runden durch der Eingangshalle, dabei Flatterband um die Schmucksäulen wickelnd. Das gelbe Band und ein Fahrrad zeugen heute von dieser Aktion.

Alle Aktionen und Experimente, die Signer 1980 ganz allein im leerstehenden Museum durchgeführt hat, wurden von ihm auch filmisch festgehalten. Zwölf Super-8-Filme sind so entstanden. Sechs davon zeigt die Ausstellung. Unter anderem den mit der „mechanischen Putzfrau“. Andere Aktionen sind durch die Spuren, die sie hinterlassen haben, präsent. Wie die Velo-Aktion mit dem gelben Band. Spuren von Aktionen sind das Wesentliche in den Arbeiten Roman Signers. Eigentlich besteht sein ganzes Werk aus Spuren. Spuren, die seine Aktionen geschaffen und hinterlassen haben. Roman Signers Arbeiten, für die er selbst auch den Begriff Zeitskulpturen geprägt hat, sind Spuren von Bewegungen, Spuren der Zeit, Spuren einer physikalischen Grösse, der wir alle unterworfen sind, ohne dass wir sie je greifen könnten.

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Roman Signer, Spur, 2018, Installationsansicht Kunstmuseum St. Gallen, Fotos: Sebastian Stadler
Da erscheint es nur sinnvoll, dass das Kunstmuseum St. Gallen anlässlich des 80. Geburtstags Signers auf Spurensuche geht. Die Ausstellung vereint Materialien, Requisiten und Filmaufnahmen aus dem Sommer 1980 und sie zeigt ein grösseres Konvolut an Skizzen aus der Sammlung des Museums und aus einer umfassenden Schenkung aus der Sammlung Ursula Hauser. Ergänzend dazu sind auch einige neue Werke zu sehen. Zum Beispiel die Installation „Blaues Fass: Schneise im Feld“, die 1999 für die Biennale in Venedig geschaffen hat. Die Arbeit besteht aus einem Feld dünner, aufrecht stehender Holzstäbe, in das ein blaues, mit Wasser beschwertes Fass gerollt wurde. Die Aktion, das Rollen des Fasses in das Feld, dauerte nur wenige Sekunden und wurde filmisch dokumentiert. Im Museum präsent ist allein das Ergebnis der Aktion: Das Fass, das inmitten umgeknickter Holzstäbchen liegt, ein dreidimensionales Bild, das an eine stille Schilflandschaft erinnert. Die vorangegangene Aktion gehört dazu: „Eine Kraft macht die Skulptur, das ist wichtig“, sagt er. Es geht ihm nicht darum, Dinge so zu arrangieren, dass sie einen bestimmten Gesamteindruck erzeugen, sondern immer um das Moment der Zeit, das mitschwingt, wenn ein Material, ein Arrangement sich in einer Aktion verändert.        

 

Roman Signer: Spuren.
Kunstmuseum St. Gallen
Museumstr. 32, St. Gallen.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch bis 20.00 Uhr.
Bis 12. August 2018.

 





Kunstmuseum St. Gallen