30/06/18

Die Welt im Ich

Das Kunstmuseum Basel zeigt Innensichten von Maria Lassnig, die immer auch Außensichten sind

von Annette Hoffmann
Thumbnail

 

lassnigautoportrait.jpgMaria Lassnig, Double autoportrait sans pitié, 1999, © Maria Lassnig Stiftung
Maria Lassnig (1919-2014) hatte einen lässigen Umgang mit sich. 1992 entstand in Zusammenarbeit mit Hubert Sielecki „Kantate“. Im Video sieht man die Künstlerin nicht nur mit rot geschminkten Bäckchen in der Manier eines Bänkelsängers die Stationen ihres Lebens vortragen, auch die Animationen, Zeichnungen und Malerei sind von ihr. 1970, als sie in den USA war, belegte sie in der School of Visual Art einen Zeichentrickfilmkurs. Die Übersiedelung nach Amerika muss ihr zu diesem Zeitpunkt als Erlösung vorgekommen sein. „Kunst und Liebe war ein Jammertal“, singt sie leiernd über Paris, das auch eine Stadt der Op-Art und des Tachismus war: „Kunst-Faschismus überall“. Von dort ging es nach New York. Als sie einen Ruf an die Hochschule für angewandte Kunst in Wien bekam, kehrte sie 1980 nach Österreich zurück. Auch dies bedenkt sie in „Kantate“ mit Humor: Erst spannt sich eine Schärpe über den mit Orden geschmückten Oberkörper, dann verstrickt sie sich in goldenen Seilen. Im gleichen Jahr hatten sie und Valie Export im österreichischen Pavillon an der Venedig-Biennale ihre Arbeiten gezeigt. Es sollte noch ein paar Jahre dauern, bis Maria Lassnig der internationale Durchbruch gelang. Als sie vor vier Jahren starb, war sie die Grande Dame der Malerei. Mit wieviel Selbstironie ihre Selbstporträts durchsetzt sein konnten, zeigt die Ausstellung „Zwiegespräche“ im Kunstmuseum Basel, an deren Ende „Kantate“ zu sehen ist.

Während das Kunstmuseum St. Gallen parallel derzeit das malerische Werk der österreichischen Künstlerin zeigt, konzentriert sich die Basler Schau, die in Kooperation mit der Albertina in Wien entstand, auf Zeichnungen und Aquarelle. Die Ausstellung setzt bei frühen Arbeiten an, die bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurückreichen. 1942 entstand so ein Selbstporträt in Aquarelltechnik, das eine nachdenkliche junge Frau darstellt, deren Blick nach links gewandt ist. „Möcht‘ ich gerne haben. R“ ist mit Bleistift angemerkt und teilweise durchgestrichen. Man sieht diesen ersten Arbeiten an, wie der Nationalsozialismus und der Krieg die Akademien und die Kunstszene von der Moderne abschnitten. Lassnig studierte Anfang der 1940er Jahre in Wien, die Ergebnisse waren noch eher brav. Nach 1945 wurde dann viel aufgeholt, was Lassnig mit einer Phase der Orientierungslosigkeit erkaufte. In diesen Jahren arbeitet sie an Werken, die sich deutlich an das damals vorherrschende Informel anlehnen. Auch Amerika brachte nicht gleich die Befreiung, ihr figurativer Stil stieß auf Unverständnis.

Obgleich Lassnigs bevorzugtes Sujet sie selbst war, sind ihre Porträts keine Nabelschau. Es geht ihr nicht um eine Ergründung kleinster Nuancen ihrer Mimik. Lassnig erweitert ihren Standpunkt radikal. Mal schaut man durch ihr skelettiertes Becken auf ihre bekleideten Beine und Füße, 1958 malt sie ein „Phallusselbstporträt“, neun Jahre zuvor war ein „Selbstporträt als Zitrone“ entstanden, auf dem auch wirklich am Rande eine Zitrone zu erkennen ist. In Amerika konzipiert sie 1969 – jetzt als Reaktion auf die Pop-Art – ein „Selbstporträt als Playboystuhl“. Ihre späteren Arbeiten sind durch den charakteristischen gelben Hintergrund bestimmt. Der Körper ist das Medium, das ihr Welthaftigkeit gibt. Eine Begrenzung ist er nicht, eher ist er Anlass, sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Innen und Außen sind ein- und ausstülpbar, wie Maria Lassnig auf einem ihrer Aquarelle vorführt. Anatomisch unkorrekt legen sich zwei Hände über die Augen eines schreienden Kopfes. Der Hilferuf wird ungehört bleiben, er verhallt nach innen. In einer Vitrine liegen Exzerpte aus, die Lassnigs intensive Auseinandersetzung mit den Schriften Oskar Wieners dokumentieren. Ihre Selbstporträts waren aufgeladen mit Gefühlen und Wahrnehmungen, die ihren Körper betrafen. Die im Titel der Ausstellung angedeuteten Zwiegespräche schlossen immer auch ein Gegenüber mit ein.        


Maria Lassnig: Zwiegespräche.
Kunstmuseum Basel
St. Alban-Graben 8, Basel.
Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr, Freitag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 26. August 2018.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Hirmer Verlag, München 2018, 240 S., 39,90 Euro | 48 Franken.

 

 




Kunstmuseum Basel