29/06/18

Das soziale Ereignis als Wurzel der Malerei

Das Museum Brandhorst in München widmet der Malerin Jutta Koether eine große Retrospektive

von Christoph Sehl
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Jutta Koether,Tour de Madame 2, 2018,Courtesy the artist & Galerie Buchholz, Berlin / Cologne / New York
Dass in München einmal ein derart ungezähmtes Verhältnis zur Malerei wie auch zur ihrer Geschichte herrschen sollte, ist erstaunlich. Zumal sich diese auf eine schwer lesbare Weise zeigt. Der Leichtigkeit sind dort Grenzen gesetzt, wo stillschweigende Voraussetzungen bestehen bleiben. Nicht dass es „Tour de Madame“, der umfassenden Werkschau von Jutta Koether (*1958) im Museum Brandhorst an Leichtigkeit mangelte – im Gegenteil. Ihr Werk ist nur zu dieser wunderbaren musealen Bilderschau konträr, und vielleicht gerade deshalb, weil Jutta Koether heute als eine der prägendsten Künstlerinnen der Malerei seit den 1980er Jahren beschrieben wird.

Die Schau ist umfassend und komplex angelegt und setzt dort ein, wo Jutta Koether ihre Auseinandersetzung mit der Malerei begonnen hat. Verorten lässt sich dieser Anfang im Kölner Neo-Expressionismus, der mit Vehemenz neue Fragen an die Malerei gestellt, sich von ihr inhaltlich und formal abgesetzt hat. Eine Bruchlinie schreibt sich ein, wenn in die Malerei selbst intellektuelle Momente miteinbezogen werden. Jutta Koether greift in dem Anderen gleich das ganz Andere auf, als würde sie eine dialektische Richtung umleiten. Das ist eine subtile, auch sublime Angelegenheit, und in den Bildern artikuliert sich dies in Andeutungen und Abweichungen. Die Malerin nimmt dabei die Rolle einer Essayistin ein.

Jutta Koether hat sich für die Malerei entschieden, die Malerei ist das Medium, in dem sie sich hauptsächlich bewegt. Darauf ist die Ausstellung „Tour de Madame“ angelegt, die einen chronologischen Überblick auf das Werk liefert. Koethers Haltung zur Malerei zieht sie aus einem komplexeren Geflecht von Perspektiven. Sie macht Performances, ist als Musikerin tätig und schreibt kunst-, musik- und kulturkritische Besprechungen, Aufsätze sowie Essays in jenen Publikationen ihres näheren Umfelds: Spex, Texte zur Kunst etc. In einem Reigen, in dem Gegenbilder und Antibilder fast schon zum Gestus des affirmativen Handelns gehören – als Phänomen sind sie heute voll und ganz im Kanon kunsthistorischer Ikonografie aufgegangen – nimmt sich die Stimme Koethers als problematisch aus, in den Bildern selbst zarter und darin abweichender.

Wenn Koether in den kunsthistorischen Duktus einsteigt, zielt sie nicht auf das Offensichtliche, die Appropriation ab, es erscheint einfühlender, wird in ihre Malerei eingesogen und wird brüchig, fragil, bleibt als Möglichkeit erhalten und wird nicht von ihrem Gegenteil vernichtet. Insofern ist diese Auseinandersetzung weniger eine nach außen getragene, vielmehr immer eine private – enigmatisch, auch kryptisch, letztlich, lässt man sich darauf ein, scharf und teils vernichtend.

Die Ausstellung spitzt sich auf einen Bilderzyklus mit dem Titel „Tour de Madame“ zu. Er referiert auf den fest im Museum Brandhorst installierten Lepanto-Zyklus von Cy Twombly, der sich auf die große Schlacht zwischen Okzident und Orient bezieht, aus der – zumindest propagandistisch – ein Sieg über das islamische Reich inszeniert wurde. Mag sein, dass das Thema zu einem der großen Themen der Gegenwart geworden ist – selbst Twombly hat versucht, sich dieser Relevanz zu entziehen –, und die Erwartungen sind in dieser Richtung hochgeschraubt. Wo Twombly im Malerischen versucht, die politische Narration aufzulösen, ergibt sich der Eindruck, dass Koether sich gezielt öffentlicher Inanspruchnahme verweigert und sich radikal ins Private zurückzieht. Oder umgekehrt: der Anspruch der unbedingten Vermittelbarkeit unterläge einer trans­zendenten Illusion im Sinne Hegels, dessen Preis der Terror ist, einem Handlungsmoment, dem sich selbst die Malerei als solche nicht erwehren kann. Jutta Koethers Malereiansatz ist ein gesellschaftlicher, er wurzelt im sozialen Ereignis. Das jetzt im Museum aufgehen zu sehen, wirkt paradox. Am Horizont könnte jetzt das Bild erscheinen.            

 

Jutta Koether: Tour de Madame.
Museum Brandhorst
Theresienstr. 35a, München.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 21. Oktober 2018.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2018, 372 S., 49,80 Euro | ca. 64.90 Franken.

 





Museum Brandhorst