28/06/18

Überraschungsbesuch im Bauerwartungsland

Das Projekt „Neuer Norden Zürich” macht keinen Hehl aus der Doppelfunktion der Kunst

von Dietrich Roeschmann

zuerichnordbock.jpg

Katinka Bock, Frida und Friedrich I-V, 2018, Bronzeobjekte und Metallband, Autobahn Lärmschutzwand bei Herbstweg 96-102, Zürich. © Pierluigi Macor / Stadt Zürich KiöR (Neuer Norden Zürich). Courtesy of the artist and Galerie Meyer Riegger, Berlin / Karlsruhe; Galerie Jocelyn Wolff, Paris
Der Stadtteil Schwamendingen im Norden Zürichs gehört zu den Quartieren, die in den vergangenen Jahren aufgrund des wachsenden Bedarfs an Wohnraum zunehmend in den Fokus von Stadtentwicklern gerückt sind. Für die, die hier gerne leben, gehört die soziale, kulturelle und demografische Struktur des Stadtteils zu den herausragenden Qualitäten. Seine Heterogeniät repräsentiere die urbane Gesellschaft in ihrer ganzen Breite, sagen sie. Doch es gibt auch Schwamendinger, die genau das nicht mögen. Der Anteil der Wähler der rechtsnationalen SVP liegt hier bei 28,6 Prozent und ist der höchste in der Stadt, der Ausländeranteil beträgt 36,8 Prozent. Das Quartier ist erheblich in Bewegung. Laut jüngster Statistik wurden im Stadtteil im vergangenen Jahr 340 Wohnungen abgebrochen – mehr als irgendwo sonst in Zürich. Man könnte das antizyklisch nennen – oder vorausblickend. Denn tatsächlich ist Schwamendingen nicht nur ein ehemals roter Stadtteil mit bewegter Geschichte, sondern seit einiger Zeit vor allem Bauerwartungsgebiet. Mit der knapp einen Kilometer langen Einhausung der Autobahn entsteht hier bis 2024 das größte Bauwerk der Stadt. Seit den 1980er Jahren durchschneidet die Verkehrsader das Quartier sehr effektiv, aktuell mit einem Fahrzeugaufkommen von täglich rund 110.000 Autos. Eine Grünanlage auf dem Dach des Tunnels soll die beiden Teile Schwamendingens nun endlich wieder miteinander verbinden, die Luft verbessern, die Wohnqualität steigern. Eine Aufwertung, die nicht ohne Folgen bleiben dürfte für die Entwicklung der Grundstücks- und Mietpreise – und damit auch für die Sozialstruktur des Stadtteils.

zuerichnordbjerrre.jpg

Benedikte Bjerre, A Camel in Schwamendingen, 2018 (l.), Courtesy the artist & Lullin+Ferrari, Zürich
Dass die Stadt Zürich jetzt ausgerechnet hier – sowie in Oerlikon und Seebach – eine Open-Air-Schau mit dem Titel „Neuer Norden Zürich” eingerichtet hat, ist kein Zufall. Das Projekt, von der städtischen AG Kunst im öffentlichen Raum konzipiert, ist nach „Art in the City” in Zürich-West (2012) und „Art Altstetten Albisrieden” (2015) das dritte seiner Art. Auch diesmal geht es um die künstlerische Erschließung der vom Zentrum als Wachstumsraum avisierten Peripherie. Zu den 40 Arbeiten, die in diesem Rahmen realisiert wurden, gehören Klassiker wie das 1987 für die Skulpturen Projekte Münster entwickelte „Haus” von Fischli/Weiss, Lichtkunst von Yves Netzhammer oder die bühnenartige Klangskulptur „Loop” von Veronika Spierenburg ebenso wie ein skurriler Trinkbrunnen von Frank & Patrik Riklin, Jules Spinatschs Langzeit-Fotoreportage über Schwamendingen seit den frühen Neunzigern oder ein latent unter Kitschverdacht dösendes, mittlerweile von Unbekannten ramponiertes Kamel der Dänin Benedikte Bjerre unter der Aubrücke. So spannend sich diese Tour durch die bislang eher kunstfernen Quartiere Zürichs gestaltet, so unverblümt tritt die Kunst hier zugleich als Instrument von Stadtentwicklung und Immobilienwirtschaft auf. Schade, aber toll, möchte man sagen.      

 

Neuer Norden Zürich.
Bis 2. September 2018.

 

 




Neuer Norden