27/06/18

Objekt der Begierde

Die Saarbrücker Gruppenschau „In the Cut“ folgt dem Blick feministischer Künstlerinnen auf den (nackten) männlichen Körper

von Beate Kolodziej
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Aude de Pasquier Grall, Le Cycle Masculin, Nr. 7, 2008, courtesy Envoy Enterprises, New York, © the artist
Mit der Fotografie „L’origine de la guerre“ der französischen Künstlerin ORLAN (*1947) von 1989 beginnt die aktuelle Präsentation in der Stadtgalerie Saarbrücken. ORLAN kehrt den Blickwinkel des berühmten Gemäldes „Der Ursprung der Welt“ von Gustave Courbet um und zeigt anstelle der weiblichen Scham einen erigierten Penis. Sogleich ist sehr deutlich: Das Thema bei „In the Cut“ ist der „männliche Körper in der feministischen Kunst“, ein kaum beachteter Aspekt der Kunstgeschichte.

Sieht man alle 19 Positionen dieser Schau im Überblick, geht es jedoch um mehr als um den (nackten) männlichen Körper aus Sicht der Frau. Es geht um weibliche Sexualität, um Gleichberechtigung, die die Künstlerinnen einfordern – und um das Selbstverständnis weiblicher Lust und Erotik. So setzt die Ausstellung Ende der 1960er Jahre bei Pionierinnen der feministischen Kunst wie Joan Semmel (*1932), Eunice Golden (*1927) und Carolee Schneemann (*1938) ein. Semmel stellt in ihren Gemälden Paare beim Geschlechtsakt dar. Golden befasst sich mit dem männlichen Phallus, malt ihn in Nahsicht oder dekoriert ihn in einer Videoarbeit mit Obst und Sahne. Schneemann ist etwa mit ihrem Video „Fuses“ vertreten. Hierfür filmte sie sich zwischen 1964 und 1967 selbst beim Sex mit ihrem damaligen Freund. Von der US-Amerikanerin Betty Tompkins (*1945) sind Bilder aus ihrer Serie „Fuck Paintings“ ausgestellt: radikale Malereien nach Fotos aus Pornoheften, die als Close-up den Geschlechtsakt zeigen. Explizit wie sie sind, zogen sie die Zensur auf sich und wurden bei der Einfuhr nach Frankreich zweimal, 1973 und 2009, vom Zoll beschlagnahmt.

Wenn zwischen diesen wegweisenden und tabubrechenden Positionen im ersten Ausstellungsbereich Arbeiten von Kathleen Gilje (*1945) und Anke Doberauer (*1962), Vertreterinnen einer nachfolgenden Generation, hängen, wirken diese nahezu harmlos. Sie gehören zu den schwächeren der Ausstellung. Gilje kopiert Werke der Kunstgeschichte und verfremdet diese, indem sie nackte, männliche Protagonisten ergänzt. Doberauer spielt in ihren fotorealistischen Gemälden mit den Rollenklischees.

Im zweiten Geschoss der Stadtgalerie folgen Werke von Louise Bourgeois  (1911-2010) und Tracy Emin (*1963). Als Glücksgriff darf gelten, dass deren Gemeinschaftsarbeit „Do Not Abandon Me“ von 2009/10 zu sehen ist. Bourgeois malte männliche Torsos mit erigiertem Penis, Emin ergänzte kleine weibliche Figuren. Ausgehend von Sophie Calle (*1953) und Jana Sterbak (*1955) spannen die Arbeiten jüngerer Künstlerinnen einen Bogen in die Gegenwart. Sie nähern sich dem Thema teils mit ironischem, teils mit einfühlsamem, aber kritischem Blick. Paula Winkler (*1980) gehört dabei zu den jüngsten Künstlerinnen der Ausstellung. Ihre Fotoserie handelt von Männern, die sie über eine Sex-Plattform im Internet kennen lernte. Anna Jermolaewa (*1970) lässt in dem Video „Blumenbeet“ dank Wasser aus der Gießkanne einen Phallus „wachsen“. Alicia Framis (*1967) schickte nackte männliche Models mit Designerhandtaschen über den Laufsteg – eine Performance, die 2006 während einer Fashion Show stattfinden sollte. Diese wurde jedoch kurzfristig abgesagt, und so realisierte die Künstlerin nur ein Video. Man mag kaum glauben, dass es immer noch eine solche Zensur gibt. Von Julika Rudelius (*1968) sind zwei Videoarbeiten zu sehen: in der einen fragt sie Frauen nach ihre sexuellen Vorlieben und Wünschen, in der anderen beobachtet sie Business-Männer im Anzug, das Objektiv auf ihren Schritt oder den Po fixiert.

Inspiriert wurde die Saarbrücker Ausstellung von der Fotoserie „Männer“ von Herlinde Koelbl (*1939). Sie wurde bereits 1986 in der Stadtgalerie gezeigt und sorgte damals für Aufsehen, besteht sie doch aus Schwarz-weiß-Aufnahmen, die das männliche Geschlechtsteil in Szene setzen. Koelbls Fotos bilden den Abschluss von „In the Cut“ – als Erinnerung und als immer noch bestehende Forderung für die Gleichberechtigung des weiblichen Blicks.

 

In the Cut. Der männliche Körper in der Feministischen Kunst.
Stadtgalerie Saarbrücken
St. Johanner Markt 24, Saarbrücken.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 13. Januar 2019.

 

 




Stadtgalerie