25/06/18

Selbstermächtigung im Akt der Demontage

Das Zürcher Migros Museum für Gegenwartskunst gibt einen Überblick über das Werk der peruanische Konzeptkünstlerin Teresa Burga

von Dietrich Roeschmann

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Teresa Burga, Aleatory Structures, Ausstellungsansicht Migros Museum für Gegenwartskuns, Foto: Lorenzo Pusterla
Ganz hinten in der Ecke des Saales flackert ein rotes Licht, dazu pumpt lautstark der Sound eines Phonokardiogramms: Pock-pock, pock-pock, pock-pock... Es ist der Herzrhythmus von Teresa Burga (*1935), aufgenommen von ihrem Hausarzt im Juni vor 46 Jahren. Die peruanische Künstlerin, die nach ihrem Studium am School of the Art Institute in Chicago 1971 nach Lima zurückgekehrt war, hatte das medizinische Klangmaterial für eines ihrer bis dahin umfangreichs­ten Projekte gesammelt – für das Selbstporträt „Autoretrato. Estructura. Informe. 9.6.72”. Im Zürcher Migros Museum für Gegenwartskunst belegt diese Arbeit jetzt fast ein Drittel des Obergeschosses: Meter für Meter sind die Wände überzogen mit sauber gerahmten Ergebnissen einer erkennungsdienstlichen Behandlung, der sich Burga bei der Polizei unterzogen hatte, mit Labordaten aus dem Krankenhaus und millimetergenau vermessenen Pass- und Profilfotos der damals 37-Jährigen. Sie summieren sich zu einer detailreichen Auflistung aller möglichen Elemente ihrer messbaren Erscheinung. Doch die Akribie dieser Arbeit verweist vor allem auf einen paradoxen Effekt der Kontrolle, die sie in Szene setzt. Denn statt ein differenziertes Bild des Subjekts zu zeichnen, zerfällt Individualität hier in seltsam unscharfe, allgemeine Daten, die auch das suggestive Pochen des Herztons nicht sinnvoll wieder zusammenfügen kann. Für Burga war das eine Frage der Gender-Politik. Während sich die feministische Bewegung unter dem Slogan „Das Private ist politisch” versammelte, präsentierte sie ihr „Autoretrato” im Spiegel einer männlichen dominierten Wissenschaft und Bürokratie als Akt der Selbstermächtigung des weiblichen Subjekts jenseits seiner bürgerlichen Existenz.

Solche Strategien der Dekonstruktion sind typisch für Burga, deren Werk in jüngerer Zeit wiederentdeckt wurde und dem das Migros Museum nun eine umfassende Retrospektive widmet. Schon in den frühen Sechzigern, noch mit Ölfarbe und Leinwand, sezierte die Künstlerin mit kritischem Blick die Routinen gesellschaftlicher Macht, malte Frauen in sogenannten Frauenberufen, in häuslicher Isolation oder ökonomischer Abhängigkeit – aber nie, ohne die patriarchale Ordnung, die sie umgab, sukzessive in ihre Einzelteile zu zerlegen. Als einziges weibliches Mitglied der für die peruanischen Szene wegweisenden Künstlergruppe Arte Nuevo begann Burga kurz darauf auch ganz praktisch mit der Demontage herkömmlicher Strukturen. Ihre Pop-Art-Malereiinstallationen wie „Prismas” (1968), jeweils aus einer Handvoll geometrischer Holzkörper arrangiert, ließ sie von ihren männlichen Kollegen bemalen und schlüpfte so in die Rolle der Auftraggeberin, die Künstler als Handwerker engagierte.

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Teresa Burga, Composición, courtesy the artist and Galerie Barbara Thumm, Berlin

Später perfektionierte Burga diese Praxis, sich selbst zum Verschwinden zu bringen, um so aus kritischer Distanz die Kontrolle über die sichtbare Ordnung zu gewinnen. Die Installation „4 mensajes” von 1974 etwa besteht aus den Überres­ten von vier zufällig aufgenommenen TV-Meldungen, aufgelöst in Konkrete Poesie, Buchstabendiagramme, Listen lexikalischer Wortbedeutungen und die 16mm-Film-Doku eines Augenpaares beim Rezipieren dieser News – Wahrheit ist immer eine Frage der Perspektive. Für eine andere Arbeit erbat Burga von 219 peruanischen Frauen zwischen 20 und 30 Angaben zu ihren Körpermaßen, Gewohnheiten und Haltungen in Sachen Politik, Wirtschaft, Religion oder Sex. Aus den Ergebnissen zeichnete, strickte, kachelte und sägte sie dann ein ganzes Arsenal an Arbeiten, die im Mirgos Museum nun zu einem skurrilem Panoptikum möglicher Bildfindungen einer experimentellen Statistik versammelt sind. „Perfil de la Mujer Peruana” von 1981 blieb Burgas letzte große Arbeit, bevor sie sich für 30 Jahre aus der Kunst in ihren Brotjob als Zollbeamtin zurückzog. Ihr Comeback als Künstlerin feierte sie 2011 an der Istanbul Biennale. Seither entstanden mehrere Werkzyklen nach Zeitungsfotos und Kinderzeichnungen, die konzeptuelle Strenge mit einer ganz eigenen Poesie paaren.           

 

Teresa Burga: Aleatory Structures.
Migros Museum für Gegenwartskunst
Limmatstr. 270, Zürich.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag bis 20.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr. Bis 12. August 2018.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: JRP/Ringier, Zürich 2018, 288 S., 48 Euro | ca. 58 Franken.

 


 




Migros Museum