18/06/18

Freie Sicht auf das Objekt

Das Zeppelin Museum Friedrichshafen gibt umfassend Einblick in seine Provinienzforschung

von red.

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Otto Dix, Blumenstrauß, 1923, Rückseite, Installationsansichten in der Ausstellung „Eigentum verplichtet” im Zeppelin Museum Friedrichshafen, 2018, Fotos: Markus Tretter
Am Anfang des Aufschwungs der Provinienzforschung zu einem der zentralen Forschungsfelder der Museumsarbeit stand nicht nur ein Wort, sondern – ganz zeitgemäß – eine ganze Erklärung. Die Washington Principles aus dem Jahr 1998 verpflichten die unterzeichnenden Staaten (darunter die Bundesrepublik Deutschland) Kunstwerke, die während des Nationalsozialismus geraubt wurden, ausfindig zu machen, deren Besitzer oder Nachkommen zu suchen und die Werke entweder zurückzugeben oder einen fairen Ausgleich auszuhandeln. Somit standen alle Kunstwerke die vor 1945 geschaffen und nach 1933 angekauft oder übernommen wurden, unter Generalverdacht, konnten sie doch theoretisch aus Raubkunstbeständen stammen. Im Jahr 2008 wurde die „Arbeitsstelle für Provenienzforschung“ am Institut für Museumsforschung der Staatlichen Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz eingerichtet und mit einem Etat von zwei Mio. Euro jährlich ausgestattet, um Museen, Archive und Bibliotheken bei der Provinienzrecherche zu unterstützen. In Magdeburg wurde als zentrale öffentliche Einrichtung eine „Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste“ eingerichtet. Sie dokumentiert im Auftrag von Bund und Ländern über die weltweit frei zugängliche Internetdatenbank „Lost Art“ internationale Such- und Fundmeldungen sowohl zu NS- verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern wie im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg verbrachter Beutekunst.

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Otto Dix, Blumenstrauß, 1923, Vorderansicht, Installationsansichten in der Ausstellung „Eigentum verplichtet” im Zeppelin Museum Friedrichshafen, 2018, Fotos: Markus Tretter
Den zwanzigsten Jahrestag nimmt das Zeppelin Museum nun zum Anlass, sich mit den eigenen Beständen, ihrer Beschaffung und den Strukturen des Kunstmarktes am Bodensee kritisch auseinanderzusetzen. Der Einstieg und gewissermaßen der rote Faden dieser sehenswerten Ausstellung ist die freie Sicht von allen Seiten auf die Objekte. Relevant für die Provinienzforschung ist oft die Rückseite der Werke, Beschriftungen, Künstler- und Eigentümervermerke bei Gemälden, handschriftliche Einträge, Marginalien, Widmungen, Initialen oder Stempel. Im zweiten Raum werden – visuell gut gelöst – die Netzwerke der Kunsthändler während der NS- und Nachkriegszeit dargestellt. Von einer „Stunde Null“ kann auch hier keine Rede sein, fanden doch illustre NS-Kunsthandelsgrößen wie Josef Angerer oder Benno Griebert, der eng mit einem der wichtigsten Profiteure von beschlagnahmtem jüdischen Eigentum, dem Münchner Auktionshaus Weinmüller, kooperierte, am Bodensee und damit in der Nähe zum Schweizer Kunstmarkt einen lukrativen Markt vor. Die anfänglich unkritische Nähe und Verbindung in der Nachkriegszeit ließ noch vor kurzem den Verdacht aufkeimen, das auch die Sammlung Zeppelin Werke mit problematischer Vergangenheit in Besitz habe. Bislang ergab sich nur bei zwei Werken ein Anfangsverdacht. Die Recherchen dazu dauern noch an. Fazit: Die Ausstellung ist klug didaktisch aufbereitet und fordert eine weitergehende Beschäftigung mit dem Thema NS-Beutekunst. 

Eigentum verpflichtet: Ein Kunstsammlung auf dem Prüfstand.
Zeppelin Museum
Seestr. 22, Friedrichshafen.
Öffnungszeiten: täglich 9.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 3. Februar 2019.

 


 




Zeppelin Museum