25/10/11

In den Kulissen des Illusionsraums

Eine Doppelschau führt Werke von Alicja Kwade und Ana Roldán im Kunsthaus Langenthal zusammen.

von Annette Hoffmann
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Eine Doppelschau führt Werke von Alicja Kwade und Ana Roldán im Kunsthaus Langenthal zusammen.Alicja Kwade

303 Uhrengewichte hängen in diesem Flur, meist zapfenförmig, aber auch stöpselartige, birnenförmige und Kugeln aus Stein. Das ganze Formenspektrum. Sie durchstoßen die Decke, bleiben auf unterschiedlichen Höhen stehen, das eine oder andere schwingt leicht aus. Einige schlagen mit gespannter Gliederkette auf dem Boden auf, als würden sie im nächsten Moment im darunterliegenden Stockwerk verschwinden. Wer an ihnen entlang geht, erlebt einen Moment der Starre als wäre für einen Augenblick alles eingefroren. Oder ist es nicht doch ganz anders? Und die Gewichte durchbrechen in einer nicht enden wollenden Bewegungen von oben nach unten das Gebäude; verschwindet eines nach unten, kommt oben eines nach. Während man selbst mit seiner begrenzten Lebenszeit diesem Strömen der vergehenden Zeit nur machtlos zusehen kann. „Durchbruch durch Schwäche“ von Alicja Kwade (*1979) ist ein starkes Intro der gemeinsamen Ausstellung mit Ana Roldán (*1977) „Blank Back Mirror“.

Alicja Kwade muss solche Irritationen lieben, denn immer wieder schafft sie Konstellationen, die den Betrachter an der reinen Faktizität der Dinge zweifeln lassen. Sie verbiegt für „Andere Bedingung (Aggregatzustand 6)“ aus dem Jahr 2009 Stahl, Kupferrohre, Spiegel und Eisen wie Uri Geller früher Löffel. Nur einige Räume weiter findet sich im Kunsthaus Langenthal eine ähnlich verblüffende Situation. Kwades Bodeninstallation „Täuschung massereicher Körper“ besteht aus gewölbtem Glas und mehreren Art déco-Lampen, die so angeordnet sind, dass sich der Lichtschein mehrfach spiegelt. Geht man an den am Boden stehenden Scheiben vorbei, stellt sich ein Eindruck ein, wie man ihn von Lavalampen kennt. Die rechte Lichtfläche scheint sich zu teilen und wandert zur linken. Verändert man ein bisschen seinen Standpunkt, wird der Effekt rückgängig gemacht. Ana Roldán, die in Zürich lebende Mexikanerin, hingegen lässt in ihrem Spiegelparavant „Lacking the Real“ gleich den Betrachter verschwinden, der vor diesen glänzenden Flächen steht und auf einer bestimmten Position sein Spiegelbild nicht sieht.

Ein wenig darf man sich in „Blank Back Mirror“ fühlen wie in einem magischen Kabinett, nur dass die beiden Künstlerinnen ihre Illusionserzeugung offenlegen. Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, sollte man nicht allzu leicht nehmen. Hinzu kommt, dass Ana Roldán mehr als die in Katowice geborene Kwade, sich auf ihre Herkunftskultur bezieht und diese mit ihrem Alltag amalgiert. So faltet sie etwa mexikanische Flaggen bis nur noch eine rote Fläche zu sehen ist. Ihre „Mexican Flags“ wirken so spielerisch wie Origami, doch mit einer minimalistischen Geste erinnert Roldán an die Bedeutung der Moderne und der konstruktivistischen Kunst für ihr Land. Und auch ihre Arbeiten „Primitive Arrangement Decorated with Gold Leaf“ und „Illustration of Máscara“ beziehen sich auf mexikanische Künstler des 20. Jahrhunderts. In ihrem Werkkomplex „The Sun’s Pun above profanity“ verknüpft sie die Entwicklung einer Typografie mit der politischen Geschichte. So zeigt sie verpixelte Fotos einer Frau und eines Mannes, die nach dem Tlatelolco-Massaker in der offiziösen Presse als Agitatoren gebrandmarkt wurden. Bei den Protesten 1968 erschoss die Armee mehrere Hundert Studierende. Am Arm tragen die beiden den Schriftzug „Gun“ und „Fun“. Und in einer dritten Arbeit dieses Zyklus hat Ana Roldán das Wort „Sun“ mit einer Zündschnur in die Wand eingebrannt. Das klingt nach einem kalauernden Reim und doch vergisst man die historische Wirklichkeit nicht über diesem Wortwitz.

Was die Werke der beiden Künstlerinnen eint, ist ihr minimalistischer Gestus, der Arbeiten voller Witz und Poesie entstehen lässt, die sich jedoch der Tradition aus der sie kommen, bewusst sind. Der blinde Spiegel dieser Ausstellung jedoch reflektiert eine veränderte Welt.

Alicja Kwade | Ana Roldán: Blank Back Mirror.
Kunsthaus Langenthal

Marktgasse 13, Langenthal.

Öffnungszeiten: Mittwoch und Donnerstag 14.00 bis 17.00 Uhr, Freitag 14.00 bis 19.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 13. November 2011.
Kunsthaus Langenthal