12/06/18

Investigative Poesie

Martha Rosler und Hito Steyerl treten im Kunstmuseum Basel in einen packenden Dialog über die Komplexität der Gegenwart

von Dietrich Roeschmann

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Hito Steyerl, Hell Yeah We Fuck Die, 2016, Foto: Marc Asekhame
Stoisch läuft das Wesen aus blauen Klötzchen durch eine digitale Wüste, stolpert über die eigenen Füße, wankt, knickt ein, fällt hin. Ein anderes wird seitlich von riesigen gelben Schaumstoffquadern attackiert, stapft weiter, strauchelt, stürzt. Dicht an dicht hat Hito Steyerl (*1966) in ihrer Videoarbeit „Hell Yeah We Fuck Die“ simulierte und reale Störmanöver gegen Roboter aneinander geschnitten. Auf den ersten Blick wirkt das wie ein ziemlich lustiger Slapstickfilm, tatsächlich aber stammen die Bilder großenteils direkt aus wissenschaftlichen Laboren zur Optimierung selbstlernender Maschinen für Kriegseinsätze. Das Ausstellungsdisplay im Kunstmuseum Basel Gegenwart, in dem die Videoarbeit nach ihrer Premiere an den letztjährigen Skulpturen Projekten Münster derzeit zu sehen ist, ist einem Trainingsgelände für den urbanen Klettersport Parkour nachempfunden – auch dieser ursprünglich eine militärische Disziplin zur Einübung effizienter Fluchttechniken. Willkommen bei „War Games“, der sehenswerten Doppelschau von Hito Steyerl und der US-Amerikanerin Martha Rosler (*1943), initiiert von Kurator Søren Grammel. Auch wenn die beiden Künstlerinnen noch nie zusammen ausgestellt haben, eint sie vieles – nicht zuletzt die Überzeugung, dass Kunst, die sich als zeitgenössisch versteht, nicht die Aufgabe hat, plakative Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit zu geben, sondern Fährten zu legen durch den Alltag im globalisierten und digitalisierten Kapitalismus und in der kritischen Reflexion ihrer eigenen Mittel die Menschen dazu zu verleiten, ihre gewohnte Welt, die sie umgibt, infrage zustellen.

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Martha Rosler, Photo Op, aus der Serie „House Beautiful: Bringing the War Home, new series”, 2004-2008, Courtesy the artist, Mitchell Innes and Nash, New York & Galerie Nagel Draxler Berlin / Köln
Es geht darum, Räume politischen Denkens und Handelns zu öffnen. In Basel tun die beiden Künstlerinnen das mit einer bemerkenswerten Konsequenz. Flankiert wird Steyerls Installation, deren atemloser Titel sich aus den meist gebrauchten Worten in englischsprachigen Popsongs der vergangenen fünf Jahre zusammensetzt, von Martha Roslers Update ihrer legendären Serie „Beautiful House:Bringing The War Home“. In Reaktion auf den Vietnamkrieg hatte die New Yorkerin damals Bilder von brennenden Dörfern und toten Soldaten in die behag­lichen Interieurs amerikanischer Wohnmagazine montiert. Während des Irak- und  Afghanistankriegs knüpfte sie daran ab 2004 mit einer neuen Collagen-Serie. Jetzt posierten Models zum Selfie vor Flammenmeeren und gefesselten Folteropfern. Überraschend: Die schroffe, durchaus banale Konfrontation von Innen- und Außenwelt hat nichts von ihrer emotionalen und kritischen Wucht eingebüsst. Das gilt auch für andere Arbeiten Roslers wie die für Dokumentationsstrategien in der Gegenwartskunst wegweisende Serie „The Bowery in two descriptive systems” von 1975. Rosler kombiniert hier Fotografien heruntergekommener Ladenfronten in Manhattans einstiger Prachtmeile mit Texttafeln, auf denen Adjektive stehen, die Rauschzustände beschreiben. Die gezielt verstörende Verknüpfung von Bild und Text wirft Fragen nach dem Zusammenhang von Armut, Spekulation und Stadtentwicklung auf. Wie politische Gedichte wirken auch Roslers fotografierte Cover-Arrangements von gesellschaftskritischen und botanischen Büchern; wie eine Erinnerung an die Tatsache, dass wir es heute nur bedingt mit neuen Formen der Macht zu tun haben, ihre raumgreifende Re-Lektüre von Hannah Arendts Standardwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft”. Bedient sich Rosler dabei meist Mitteln der Poesie, basieren Steyerls Arbeiten auf investigativen Recherchen in Krisenregionen, Zollfreilagern, Rechenzentren der Videospielindus­trie oder militärischen Drohnenparks. Es sind oft einfache Fragen, mit denen sie auf die Komplexität politischer, ökonomischer oder gesellschaftlicher Zusammenhänge verweist. In der Videoarbeit „Robots Today” steht Steyerl in der verwüsteten kurdischen Stadt Diyarbakır und fragt die iPhone-Sprachsoftware Siri, wer die Häuser zerstört und die Menschen vertrieben hat. Die Stimme antwortet: „I am not sure I understand your question”. Die Maschine kennt keinen Kontext, keine Politik und keine Empathie, sie hat keinen Begriff von Kritik oder Moral und kann weder kombinieren noch werten. Aber wir können es – wenn wir nur wollen. Die Arbeiten von Hito Steyerl und Martha Rosler lassen sich als Aufforderung verstehen, diese Verantwortung ernst zu nehmen.         

 

Martha Rosler & Hito Steyerl: War Games.
Kunstmuseum Basel Gegenwart
St. Alban-Rheinweg 60, Basel.
Öffnungzseiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 2. Dezember 2018.

 

 




Kunstmuseum Basel