28/10/11

Klischees auf Urlaub

Von wegen Musentempel: Danai Anesiadous Ausstellung "Zum Besten der Griechen" in der Kunsthalle Basel.

von Dietrich Roeschmann
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Von wegen Musentempel: Danai Anesiadous Ausstellung "Zum Besten der Griechen" in der Kunsthalle Basel.Danai Anesiadou

Wo machen eigentlich die vielen Griechenland-Klischees gerade Urlaub? Diese schwarz gekleideten Mütterchen, die unter leuchtend blauem Himmel durch staubige Dörfer schlurfen? Die weißen Ruinen über dem glitzernden Meer? Gute Frage. Fest steht: Pittoreske Kulissen taugen momentan nicht zum Träumen. Ihre Spuren des Verfalls, an die sich bis vor wenigen Jahren noch die touristische Sehnsucht heftete, gelten heute eher als Symptom fortschreitender Verwahrlosung, und die Bilder vom gemächlichen Treiben in malerischen Hafenstädtchen sind längst vom Postkartenmotiv zu Dokument hoffnungsloser Rückständigkeit mutiert. Die aktuelle Diskussion um Griechenland hat auch seine Klischees in eine tiefe Krise gestürzt.

So gesehen kommt Dania Anesiadous Ausstellung in der Kunsthalle Basel gerade zur rechten Zeit. „Zum Besten der Griechen“ hat die in Brüssel lebende Künstlerin ihre Schau jubelnd im Untertitel genannt und im Oberlichtsaal gleich mal eine klassische Tempelsituation mit dorischen Säulen und Marmoraltar eingerichtet. Das cremefarbene Altweiß ihrer Objekte harmoniert perfekt mit der Patina der klassizistischen Stuckornamente an der Decke. Fast hätte man vergessen, dass sich auch die Architektur der Basler Kunsthalle einst einer tiefen Leidenschaft für Griechenland verdankte. Als ihr Baumeister Johann Jakob Stehlin 1867 seinen Entwurf präsentierte, wählte er als Motto das schwärmerische Goethe-Zitat: „Der Tempel ist euch aufgebaut / Ihr hohen Musen all“. Danai Anesiadou, 1973 als Griechin in Deutschland geboren, hat diesen Musentempel nun in ein trashiges Ambiente verwandelt, in dem sich verschiedene individuelle und kollektive Konstruktionen von Kultur und Geschichte kreuzen und als solche sichtbar werden. So entpuppen sich die dorischen Säulen bei näherem Hinsehen als monumentale Hohlkörper, hastig zusammengeschraubt aus Plastik-Deko-Elementen wie vom Hellas-Grill um die Ecke. Und statt der neun Musen, die einen antiken Tempel schmücken, hängen hier neun großformatige Collagen von Filmplakaten an den Wänden, auf denen Heroinen wie Jeanne Moreau und Catherine Deneuve unter falsch schimmernden Plexiglaskristallen oder an den Rahmen montierten High Heels auf längst vergessene B-Movie- und Softpornostars der Siebziger treffen. Auch der Altar, der an der Stirnwand der Halle vor einer künstlichen Felsmauer steht, ist eine Erfindung des Kinos. Anesiadou baute ihn dem Arbeitstisches eines Galeristen nach, der sich in Eric Rohmers Film „4 Aventures de Reinette et Mirabelle“ vor dem Bild einer jungen, unbekannten Malerin so sehr in Begeisterung redet, dass er ihr das Gemälde schließlich abkauft.

Die Gleichzeitigkeit der Perspektiven, die diese miteinander verschränkten Referenzen zu Film, Bühnenbild und Folklore-Trash ermöglichen, ist zentral für Anesiadous Arbeit. In der Überblendung erscheint die Identitätssuche, um die ihre Kunst kreist, nicht als Drama, sondern als lustvoller Akt des Verknüpfens, Zurechtlegens und Umdeutens des kulturellen Erbes. Exemplarisch zelebriert sie das im letzten Raum ihrer Ausstellung, der einer Filmszene aus Rainer Werner Fassbinders „In einem Jahr mit dreizehn Monden“ nachempfunden ist. Darin steht Ferndinand Schöths neoklassizistische Büste „Psyche“ von 1882. Ihre Augen sind gebannt auf einen Monitor gerichtet, auf dem die US-Underground-Animationsfigur „Xavier“ einen abenteuerlich surrealen Trip zu ihrem eigenen Selbst unternimmt, das sich am Ende in eine groteske Bricolage entlegendster Partikel kulturellen Lebens auflöst.

Kunsthalle Basel
Steinenberg 7, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 13. November 2011.
Kunsthalle Basel