13/06/18

Rodrigo Hernández

Die Arbeiten des mexikanischen Künstlers kreisen um Versuche, die Welt durch Bilder zu begreifen

von Leon Hösl

hernandezebba.jpgRodrigo Hernández, Ebba, 2017 (l.), Courtesy the artist and ChertLüdde
Die Tuschemalerei des japanischen Zen-Priesters Josetsu zeigt einen absurden Moment: ein Mann steht auf einem Felsen, hält mit beiden Händen einen Flaschenkürbis und beugt sich in Richtung eines Fisches, als würde er diesem den Kürbis zeigen wollen. „Catching a Catfish with a Gourd“ ist der Titel des Bildes, das auf ein Rätsel antwortet, das der Shogun Yoshimochi im 15. Jahrhundert an seine weisesten Priester richtete: „Wie fängt man einen Wels mithilfe eines Flaschenkürbisses?“. Kōan nennt man im Buddhismus solche Gedankenaufgaben, die einen meditativen Geisteszustand auslösen sollen. In diesem Fall hat Rodrigo Hernández ein Kōan als Grundlage seiner Präsentation im Ausstellungsraum SALTS in Basel gewählt.

Der 1983 in Mexiko-Stadt geborene Künstler verwendet in seiner Kunst oft philosophische oder surreale Setzungen: „Fish dancing on top of a building“ heißt ein Bild der Serie „Selva“, für die er die Träume eines befreundeten Kurators in kleinformatige Malereien überträgt. „Die Metapher von der Spinne“ ist ein anderes, wiederkehrendes Motiv oder der Titel seiner Ausstellung im Bonnefanten Museum Maastricht vor vier Jahren: „What is the moon?“. Diese Referenzen und Titel bieten eine erste Orientierung beim Entschlüsseln und Zuordnen der visuellen Elemente der meist mehrteiligen Installationen des Künstlers. Modernistische, westliche Bildkonzepte sind dabei ein häufiger Ausgangspunkt – das Raster des De Stijl, Farbflächen die an Josef Albers und Paul Klee erinnern oder direkte Zitate der Architekturen in den Bildern Giorgio de Chiricos. Andere Bildreferenzen stammen aus indigenen Kulturen, häufig präkolumbianischer Herkunft oder von Stoffmustern des Modedesigns. Zwischen diesen heterogenen Einflüssen wird jedoch keine lineare Entwicklung von sogenannter „primitivistischer“ Kunst oder Kunsthandwerk zu einem synthetisierenden Modernismus reproduziert, sondern eine hierarchiefreie Auflösung in einzelne Fragmente vorgenommen. In diesen kleinteiligen Installationen fällt es dann dem Betrachter zu, interpretatorische Verbindungen zu ziehen, was durch die Anwesenheit einer zeichenhaft dargestellten menschlichen Figur, manchmal auch bloß eines Kopfes, betont wird. Der auf einfache geometrische Formen reduzierte Körper ist mittlerweile zum Erkennungszeichen von Hernández geworden, der in Karlsruhe bei Silvia Bächli studiert hat, und findet in fast allen seinen Arbeiten seinen Platz. Er wird entweder gezeichnet oder aus Materialien wie dem transluzenten Polyurethan geformt und stellt eine Art Fixpunkt innerhalb der oft rätselhaften bildnerischen Komponenten dar.

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Rodrigo Hernández, O Paraíso, 2018, courtesy the artist
Zeitgleich zur Präsentation bei SALTS ist bei den Statements der Art Basel eine zweite Installation von Rodrigo Hernández zu sehen. Sie hat den Titel „History of Ambigious Images“ und besteht aus handgehämmerten Kupfer-Reliefs, in denen eine Vielzahl zeichenhafter Motive unterschiedlichster Herkunft abgebildet sind, die das wiedererkennende Sehen herausfordern. Die mexikanische Tradition des Muralismo, großflächige, detailreiche Wandmalereien, ist hierbei ein wichtiger Einfluss. Nicht nur wegen des Titels hat man den Eindruck, dass in diesem Werk ein ganzes Weltbild transportiert wird, was zum eingangs beschriebenen Rätsel zurückführt. Dessen Lösung könnte in der offensichtlichen Ähnlichkeit liegen, die Josetsu in seiner Darstellung zwischen Wels und Flaschenkürbis betont – der Mann fängt den Fisch, indem er sich mit dem Kürbis ein Abbild von ihm schafft. Die Kunst von Rodrigo Hernández sucht nach solchen menschlichen Versuchen, durch Bilder die Welt zu begreifen und handelt gleichzeitig davon, wie sich die Realität dem Bild entzieht, wie ein glitschiger Wels dem Kürbis.       

 

Rodrigo Hernández: The Shadow of a Tank
Art Statements,
Galerie Madragao, Art Basel 2018, Messe Basel, Messeplatz, Halle 2.
14. bis 17. Juni 2018.
Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 19.00 Uhr.

Rodrigo Hernández: The Gourd and The Fish
SALTS
Hauptstr. 12, Basel-Birsfelden.
15. Juni bis 25. August 2018.
Vernissage: 14. Juni 2018, 18.00 Uhr.

 

 




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