29/10/11

Eine Debatte ohne Dialog

Kann Kultur in einem Konflikt zum Dialog beitragen? Einblick in die verfahrene Diskussion des Culturescapes Festival 2011.

von Maya Künzler
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Kann Kultur in einem Konflikt zum Dialog beitragen? Einblick in die verfahrene Diskussion des Culturescapes Festival 2011.Yael Davis

Welche Rolle hat die Kultur in einem Konflikt? Kann sie Wege aus verfahrenen Situationen aufzeigen? Und was passiert mit KünstlerInnen, die eine Regierung offen kritisieren? Die Auseinandersetzung um das Schweizer „Culturescapes“-Festival, das in diesem Jahr einen Blick auf die israelische Kunst,- Musik, Theater- und Tanzszene wirft, macht die Probleme deutlich.

Avigor Lieberman, israelischer Minister für auswärtige Angelegenheiten, kündigte kürzlich gewissen KünstlerInnen an, ihnen die Subventionen zu streichen, wenn sie ihre Rolle „als Botschafter ihres Landes“ nicht erfüllten. Im Juli dieses Jahres hat Israel ein Anti-Boykott-Gesetz („Law for Prevention of Damage to the State of Israel“) verabschiedet – noch ist es nicht in Kraft getreten. Kulturschaffende, die die Besatzungspolitik Israels anprangerten und sich weigerten, in israelischen Siedlungen in der Westbank oder in Jerusalem aufzutreten, müssten in Zukunft die Streichung von Kulturförderbeiträgen und Auftrittsmöglichkeiten im öffentlichen Raum gewärtigen.

Die Frage ist schon vielfach gestellt worden: Hat Kunst das Potential, politisch etwas zu bewirken? Kaum ein Kunstschaffender würde dies bejahen, er würde – zu Recht – als naiv gelten. Was nicht heisst, dass Kunst sich expliziter politischer und gesellschaftlicher Kritik enthielte. Manchmal reicht es in einem Staat sogar, wenn KünstlerInnen ihren öffentlichen Status nutzen, um die Regierung offen zu kritisieren. Sogleich wird ihnen ein verbaler Maulkorb verpasst oder schlimmer, sie müssen mit handfesten Repressalien rechnen.

Die israelische Regisseurin Ofira Henig ist eine solche kritische Stimme in ihrem Land. Sie zeigte innerhalb des Festivals Culturescapes, das Mitte September in Basel eröffnet wurde, ihr Stück „Both Upon a Time“ und nahm auch als Teilnehmerin an einem Podium teil. Initiiert hatten das öffentliche Gespräch in Basel die BDS Schweiz (Boykott, Desinvestition, Sanktionen) und das Forum für Menschenrechte. Die AktivistInnen riefen zum Boykott des Kulturfestivals und forderten Bundesrätin Micheline Calmy-Rey auf, sich von ihrem Patronat zurückzuziehen.

Culturescapes findet schon zum 9. Mal statt. Jedes Jahr wählt der künstlerische Leiter Jurriaan Cooiman ein Land aus und stellt dessen kulturelle Vielfalt vor – mit Theater- und Tanzaufführungen, Kunstausstellungen, Konzerten und Lesungen. In den vergangenen drei Jahren waren China, die Türkei und Aserbaidschan zu Gast in der Schweiz. Etwa vierzig Sponsoren unterstützen das Festival, darunter Pro Helvetia, das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten sowie Schweizer Kantone und Gemeinden.

Der Skandal besteht für jene, die jetzt zum Boykott aufrufen, insbesondere darin, dass sich der Staat Israel mit etwa fünfzehn Prozent an den Kosten beteiligt – das sind fast drei Millionen Franken. Israel versuche, mittels Kultur ein beschönigendes Bild des Landes zu präsentieren, kritisieren sie: Kultur werde als Marketingvehikel missbraucht.

Tatsächlich war es die israelische Botschaft, die an Cooiman herangetreten war und ihm Israel als Festivalthema vorgeschlagen hatte. Im vergangenen Februar setzte sich eine Arbeitsgruppe von Schweizer Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisationen mit Cooiman an einen Tisch. Die AktivistInnen unterstelltem dem Festivalprogramm, einen unkritischen und einseitigen Blick auf Israel zu werfen. Cooiman, der natürlich nicht gewillt war, nach fast zweijähriger Vorbereitungsphase alles abzublasen, konterte, innerhalb des Festivalrahmens gäbe es Ringvorlesungen zum israelisch-palästinensischen Konflikt und überhaupt jede Menge kritischer künstlerischer Positionen.
Ein paar Künstlerinnen und Veranstalter zogen sich auf den Boykottaufruf hin zurück, unter ihnen das Trio Joubran und das Berner Lichtspiel. Sie wollten Israel keine Plattform zur Selbstdarstellung bieten, begründeten sie den Entscheid.

Wie verhärtet die beiden Fronten sind, zeigte sich am Podium in Basel kurz vor der Festivaleröffnung. Für Hind Awwad, Koordinatorin der Palästinensischen BDS-Boykottkampagne aus Ramallah, gibt es nur den totalen Boykott gegenüber Israel. Sie betonte, dass sich dieser nicht gegen einzelne KünstlerInnen richte, sondern gegen die Institutionen, und dass es darum gehe, die Besatzer­macht Israel, die sie mit dem Apartheid-Regime Südafrika verglich, wirtschaftlich und auch kulturell zu isolieren. Iris Hefets, eine Vertreterin der Kritischen Jüdinnen, unterstützte Awwad. Umfragen nach dem letzten Angriff auf den Gazastreifen hätten sie schockiert: 98 Prozent ihrer Landsleute hiessen den Vergeltungsschlag gut. Seit der 2. Intifada lebt Hefets in Berlin. Sie ist eine engagierte Kritikerin gegen die Scheindemokratie, als die sie Israel sieht.

Jurriaan Cooiman seinerseits erhielt Unterstützung von der linken Theaterschaffenden Ofira Henig. Sie, die gegenüber der Politik ihres Landes kein Blatt vor den Mund nimmt, machte erst einmal klar, dass sie sich nicht als Botschafterin Israels sehe. In ihrem Stück „Both upon a time“ spielen sowohl israelische als auch palästinensische SchauspielerInnen mit. Deshalb sei das aber noch lange kein Co-Existenz-Projekt, das für eine bestimmte territorialpolitische Lösung stehe. Sie will sich nicht vereinnahmen lassen, sieht sich in einem Dilemma: „Ich bin Künstlerin“, sagte sie dezidiert. Dialog sei nicht ihre Aufgabe.

Ausserdem stellte sie klar, dass die finanzielle Unterstützung von freien KünstlerInnen in Israel nicht sehr grosszügig ausfalle. Ohne internationale Unterstützung (unter anderem durch das Zürcher Theaterspektakel) wäre ein Stück wie „Both upon a time“ gar nicht möglich gewesen. Abgesehen davon: Nachdem sie einen Protestbrief gegen das auf besetztem Territorium neu geschaffene Theater von Ariel unterschrieben hatte, wurde sie als Direktorin ihres Theaters entlassen, mit der Begründung, die Auslastung sei zu gering. Tatsächlich waren die Zuschauerzahlen rückläufig, nicht zuletzt als Reaktion auf ihre kritische Haltung.

An der offiziellen Eröffnung von Culturescapes im Theater Basel hielt auch Ofira Henig eine Rede, worin sie sich verbat, für Propagandazwecke missbraucht zu werden. Der israelische Botschafter war darüber alles andere als erfreut. Jurriaan Cooiman nimmt es mit Gelassenheit. Solange er seitens eines Staates keine Auflagen bekommt und frei programmieren kann, sieht er kein Problem: „Es ist wichtig, dass die Kulturschaffenden aus Israel nicht von der Welt abgeschnitten werden. In meinem Programm ist vor allem die alternative Szene vertreten, und nicht die gut subventionierten, auf Entertainment ausgerichteten Produktionen der grossen Häuser oder jene, die die Shoa-Erinnerungskultur noch und noch zelebrieren.“

Seit Festivalbeginn ist es zu keinen weiteren grösseren Aktionen der BDS gekommen. An die im Rahmen des Kulturaustausches Schweiz-Israel beteiligten Kunstschaffenden ist ein offener Brief verschickt worden, mit der Aufforderung, sich nicht für israelische Propagandazwecke vereinnahmen zu lassen. Ohne Folgen jedoch. Anfang Oktober hat die Genfer Alias Compagnie mit ihrem gefeierten Tanzstück „Sideways Rain“ die Schweizer Gastspielreihe in Tel Aviv eröffnet. Am Basler Podium hatte Ofira Henig zu bedenken gegeben, die Rechtskonservativen und Nationalisten seien nur froh darüber, unter sich zu bleiben. Sie wollten keine Einmischung von aussen, auch kulturell nicht. So gesehen mag der Austausch doch mehr bedeuten als ein paar weitere internationale Auftrittsmöglichkeiten für Schweizer KünstlerInnen.

Culturescapes Israel.

Yael Davids. Kunsthalle Basel
Steinenberg 7, Basel.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.30 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 13. November 2011.

Gal Weinstein und Sharon Ya’ari. Kunsthaus Baselland
St. Jakob Str. 170, Basel.
Öffnungszeiten:Dienstag 11.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 14.00 bis 20.00 Uhr, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 13. November 2011.

Rami Maymon. Hinterhof Offspace
Münchensteinstr. 81, Basel-Münchenstein.
Bis 12. November 2011.

The Object of Zionism. Schweizerisches Architekturmuseum Steinenberg 7, Basel
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.30 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 22. Januar 2012.

Actus Group. Cartoonmuseum Basel
St. Alban-Vorstadt 28, Basel.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
5. November 2011 bis 26. Februar 2012.

Weitere Informationen zum Programm unterCulturescapes

Zum Festival ist eine Publikation erschienen: Culturescapes Israel – Kultur im Spannungsfeld des Nahen Ostens, hg. v. Jurriaan Cooiman und Sabina Bossert, Christoph Merian Verlag, Basel 2011, 224 S., 26 Euro | 40 Franken.

Dieser Text erschien zuerst am 22. September 2011 in der Wochenzeitung WoZ (Zürich) und wurde für den Nachdruck aktualisiert.