08/05/18

Realismus in Irrealität und Fantastik

Bei Axel Hütte, dessen Fotos derzeit im Museum Franz Gertsch zu sehen sind, beginnt die Gestaltung mit dem Blick

von Julia Hochstenbach

huettenationalglerie.jpg

 Axel Hütte, Berlin, Nationalgalerie -2, Germany, 2001/2016, © Axel Hütte
Wie schwarze Stelen ragen schattige Bäume aus dunklem Gewässer. Kahle Äste verblassen im Dunst, lösen sich ins Weiße auf. Zerbrochene Eisplatten liegen wie ermattet am Boden, über ihnen dehnt sich der graue Himmel. Ein hoch aufstrebender, gleißender Wolkenkratzer findet Kontrast und Widerspruch in warm-lebendig leuchtenden Gebäuden.

In der ersten Sekunde vermutet man in Bildern des 1951 in Essen geborenen Fotografen Axel Hütte, dem das Museum Franz Gertsch eine Einzelausstellung widmet, einfache Landschafts- und Städtefotografien. Doch dann fängt etwas Ungewohntes den Betrachter und überredet zum genaueren Hinschauen: traumartige Szenarien, die der Künstler auf seinen Reisen um die ganze Welt mit analoger Kamera und Belichtungszeiten von bis zu vierzig Minuten gleichsam aus Natur und Stadt herausdestilliert. Gnomenhaft verknorpeltes, bemoos­tes Geäst etwa wie aus einem Fantasy-Film, oder ein düsteres Feuer im nächtlichen Wald, das den Blick geradezu magisch ansaugt. Immer wieder prägt Einsamkeit die Bilder – eine Einsamkeit aber der Einzigartigkeit, des Herausgehobenseins. So als wohnten die Dinge auf ihrem eigenen Planeten, als versänke alles andere in nebelhaftem Weiß. Nicht nur die Umgebung, auch der Gegenstand selbst kann vergehen. Auflösung ist ein permanentes Thema in Hüttes Fotografien – motivisch, aber auch und vor allem im Fotografischen selbst, dem ja Auflösung grundsätzlich fremd ist. Hütte greift das Fotografische an, zersetzt es. Wenn die Formen von Pflanzen und Architekturen unter dem Chiaroscuro starker Schattenwürfe verschwinden oder in kleinem Ausschnitt und diffusem Licht unverständlich werden, erodieren die Exaktheit und der Naturalismus der Bilder. Umgekehrt lässt der Künstler Strukturen so weit überhandnehmen, dass sich das Konkrete ans Formale verliert. In die Unkenntlichkeit treibt er verzerrende Spiegelungen, wenn er den gespiegelten Gegenstand abtrennt. Andere Fotos geraten in ungewohnten Perspektiven und sachten Farbschattierungen beinahe monochrom. Das Konkrete wird in die Abstraktion aufgelöst, das Fotografische ins Malerische – bis hin zu impressionistisch verschwimmenden Farbtupfen –, der Realismus in Irrealität und Fantastik.

huettefukuoka.jpg

Axel Hütte, Paradise Bay, Fukuoka, Japan, 2013, © Axel Hütte
Neben den Belichtungszeiten, durch die sich Licht, Farben und Bewegungen anders im Bild niederschlagen als in einer Momentaufnahme, sind es die Anordnungen, die Ausschnitte und Perspektiven, mit denen Hütte seine Gegenstände in diese Übergänge führt. So merkwürdig der Begriff der Anordnung in diesem Zusammenhang auch klingt, wo Hütte doch keinerlei aktives Arrangement, keine materielle Gestaltung vornimmt. Das Gestalterische liegt ausschließlich im Blick, in der Wahrnehmung – womit Hütte nachdrücklich das künstlerische Potential menschlicher Wahrnehmung thematisiert, ja die Unmöglichkeit, nicht-gestaltend wahrzunehmen. Und so komponiert er, was er vorfindet, objet trouvé, Betrachtung und Malerei in einem, er breitet Ruhe und Weite über die Bilder aus und legt doch eine subtil prickelnde Unruhe hinein, lässt Strukturen zu Zeichen werden, die zu uns sprechen, auf eine verborgene Bedeutung deuten, verwöhnt mit effektvoller Schönheit, unter der die geistigen Aspekte ein wenig zurücktreten.

Hüttes Bilder zeigen auf faszinierende Weise, wie weit die „gestaltende Schau“ gehen kann. Auf vielen Fotos scheint die pure, gesteigerte Betrachtung den Gegenstand zu verändern. Als würde der Künstler durch die Beharrlichkeit des Schauens in den Gegenstand eindringen, seine Eigenarten tiefer erfassen, seine Schichten freilegen – und ihn damit zugleich seiner Konkretheit berauben. Das Stadtbild „San Francisco-1, USA“ von 2016, ein von zwei großen Verkehrsadern symmetrisch zerschnittenes Stadtviertel, verliert unter der Intensität des Blicks seine Konkretheit, seine Materialität. Strukturen treten schärfer hervor, beginnen zu leuchten und verlieren im gleichen Zuge ihre Konsistenz. Sie werden malerisch, geisterhaft durchsichtig, glitzerndes Pergamentpapier über architektonischem Gerippe: eher Ahnung als Wissen, eher Seele als Materie.  


Axel Hütte: Unterwegs – in der Ferne.
Museum Franz Gertsch
Platanenstr. 3, Burgdorf.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 26. August 2018.

 



 




Museum Franz Gertsch