31/10/11

Im Spannungsfeld von Künstlichkeit und Natürlichkeit

Im Kunstraum Dornbirn zeigt Didier Marcel eine fragmentierte Landschaft.

von Florian Weiland

Im Kunstraum Dornbirn zeigt Didier Marcel eine fragmentierte Landschaft.

Die Ernte ist eingefahren. Zurück bleiben ein karger Ackerboden und die Reste der abgemähten Maispflanzen. Didier Marcels „Red Harvest“ erinnert an ein monumentales Gemälde, das wie eine klassische Landschaftsdarstellung an der Wand hängt. Doch es ist weit mehr. Im Zentrum steht ein dreidimensionales, abgeerntetes Maisfeld, ein Abguss aus rotem Kunstharz. Und trotz seiner gewaltigen Größe doch nur der winzige Ausschnitt eines riesigen Feldes. Akkurat in Reih und Glied ragen die Wurzeln in den Raum. Das Tageslicht fällt in den Ausstellungsraum und sorgt für ein abwechslungsreiches Spiel von Licht und Schatten. Die Farbgebung schafft zusätzliche Distanz und sorgt dafür, dass dieses Relief so befremdlich, ja rätselhaft wirkt. Haben wir es hier noch mit einer realen Landschaft zu tun – oder ist die vom Menschen kultivierte Landschaft, deren Überreste der französische Künstler konserviert hat, nicht schon längst zur Skulptur geworden?


Didier Marcel
Didier Marcel, Red Harvest, 2011, Installationsansicht vom Aufbau im Kunstraum Dornbirn, 2011, courtesy the artist

Didier Marcel (*1961) hat in Paris studiert und lebt heute in Dijon. Er arbeitet mit Skulpturen, Formgüssen sowie Architekturmodellen. Im Kunstraum Dornbirn beschäftigt er sich auf ungewöhnliche Art mit dem Thema Landschaft. Die Installation lebt aus den Spannungsfeldern von Realität und Künstlichkeit. Der Gegensatz zwischen natürlicher und synthetischer Materie gewinnt zentrale Bedeutung. Die Natur wird gebändigt und dennoch liefert der französische Künstler ihr unverstelltes Abbild. Im Maßstab 1:1. Damit wird seine Kunst zum Schauplatz einer neuen ästhetischen Erfahrung.

An einer schweren Eisenkette hängen vier mächtige Felsblöcke von der Decke des Kunstraums. Schon aus statischen Gründen eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Und wirklich: die Steine, die nach realen Vorbildern geformt wurden, sehen zwar täuschend echt aus, sind aber aus Pappmaché. Ein Lufthauch genügt und sie bewegen sich wie ein Mobile.

Die Ausstellung in Dornbirn ist eine genau geplante Inszenierung. Dazu gehört auch die große Zwischenwand, die den Eingangsbereich der Montagehalle verstellt und zugleich als nüchtern sachlicher Hintergrund von „Red Harvest“ dient. Der Titel bezieht sich übrigens auf einen Roman von Dashiell Hammett, der 1929 kurz vor der Weltwirtschaftskrise erschien und ein Amerika beschreibt, in dem das Geld unbeschränkt herrscht und die Gesellschaft von Korruption zerfressen ist. Vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrisen eröffnen sich mit diesem Verweis ganz neue Interpretationsmöglichkeiten dieser faszinierend-irritierenden Installation.

Didier Marcel: Red Harvest.
Kunstraum Dornbirn

Jahngasse 9, Dornbirn.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 20. November 2011.
Kunstraum Dornbirn