03/05/18

Verborgen im Darknet

Eine sehenswerte Gruppenschau in der Villa Merkel rückt das Geheimnis ins Bewusstsein

von Birgit Wiesenhütter
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Francis Alÿs (mit Julien Devaux und Ajmal Maiwandi), Reel/Unreel, 2011, Videostill, Courtesy Galerie Peter Kilchmann, Zürich
Ausgangspunkt für die Ausstellung „Hidden/Secret – Strategien des Verborgenen“ ist eine Kooperation der Villa Merkel mit dem iranischen Filmregisseur Sina Ataeian Dena (*1983). Dessen Kinodebüt „Paradise“ (2015) konnte nur realisiert werden, indem das politische System unterlaufen wurde. Als Dokumentarfilm getarnt wurde er teils heimlich im Iran gedreht, teils in Berlin, wo auch der Sound rekonstruiert wurde. Erzählt wird die Geschichte einer jungen Frau und ihr zermürbender Alltag als Lehrerin an einer Mädchenschule. Selbst unter der strengen Gesellschaftsordnung leidend ist sie als Lehrerin letztlich Teil des Systems und gibt dessen Regeln an die folgenden Generationen weiter.

Aus dem Film entstanden eine sechsteilige Videoinstallation und eine Serie von Fotografien. In den ruhigen Loops von „Altering Reality“ (2017) verbinden sich alltäglich wirkende Szenen, die aber choreografiert sind, mit verwirrenden Momenten. Mal ist der Zusammenhang von Sound und Bild fraglich: wir sehen einen Jungen Seifenblasen machen und hören ein blubberndes Geräusch. Eine andere Projektion irritiert mit einer Überblendung durch eine weitere: eine junge Frau in Rückenansicht, schaut aus dem Fenster. Wird die eine Projektion verdeckt, so sieht man an dieser Stelle das Bild der zweiten, bei der dieselbe junge Frau einen Hidschab trägt. So changiert das Bild und vermischt dabei zwei Welten. Die Möglichkeiten technischer Manipulation nützte Dena bereits bei „Paradise“, um diesen gesellschaftskritischen Film überhaupt drehen zu können. Hier werden sie zur Methode, um seine künstlerische Position weiterzuentwickeln.

Die ausgestellten Arbeiten des belgischen Künstlers Francis Alÿs (*1959) sind im Rahmen des Afghanistan-Projektes der Documenta 13 entstanden. Der Film „Reel/Unreel“ (2011) bezieht sich auf die Verbrennung von Tausenden Filmen aus dem afghanischen Filmarchiv durch die Taliban, die allerdings ohne es zu wissen, hauptsächlich Kopien verbrannten statt der Originalnegative. „Reel/Unreel“ zeigt Kinder, die quer durch Kabul Filmrollen vor sich hertreiben, als wären es Reifen wie beim klassischen Kinderspiel. Dabei wird Filmmaterial auf- oder abgerollt (reel/unreel). Der Titel deutet als Wortspiel klanglich auf real/unreal und stellt damit auch die Frage nach Wahrheit oder Unwahrheit des durch Medienberichte geprägten Bildes, das die westliche Welt von Afghanis­tan hat. Mit den spielenden Kindern hat Alÿs ein starkes Bild für Hoffnung, Aufbruch und Kontinuität in einer Gesellschaft gefunden. Die Doppeldeutigkeit der Filmrollen wie auch des Titels verweisen auf die Ambivalenz von Wahrheit und die unterschiedliche Blickrichtung der Fragenden: Um wessen Wahrheit handelt es sich? Die Sensibilisierung hierfür ist in unserer Medienwelt zentral geworden.

Das eigentliche Material des Schweizer Künstlerduo !Mediengruppe Bitnik (Carmen Weisskopf, *1976 / Domagoj Smoljo, *1979) ist das Internet. Dieses Material erforscht es und lotet seine Grenzen aus. Für ihre Arbeit „Random Darknet Shopper“ (2014-16) entwickelten sie für eine Ausstellung einen Bot, der selbstständig im Darknet einkaufte und die zufällig erworbenen Gegenstände, Schlüssel, Drogen oder Zigaretten direkt in die Kunsthalle St. Gallen schickte. Die Staatsanwaltschaft ließ die Gegenstände nach der Ausstellung beschlagnahmen, gab sie dann bis auf das Ecstasy aber wieder zurück. Sie sah angesichts des öffentlichen Interesses an den aufgeworfenen Fragen von einer Anzeige ab. In der Villa Merkel ist diese Arbeit als Installation ausgestellt. !Mediengruppe Bitnik deckt die scheinbare Freiheit des Netzes mittels subversiver Strategien als Überwachungssystem auf. Intransparente Mechanismen werden vorgeführt und ein Zusammenhang von Unsichtbarem und Sichtbarem hergestellt.

Ob in einem repressiven Umfeld, oder einer scheinbar offenen Welt, schüren die präsentierten Positionen unser Misstrauen in Bilder und Medien. Die Ausstellung zeigt damit einmal mehr die Bedeutung künstlerischer Arbeit für unsere Gesellschaft. 

 

Hidden/Secret – Strategien des Verborgenen.
Villa Merkel
Pulverwiesen 25, Esslingen.

Öffnungszeiten: Dienstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 3. Juni 2018.

 

 




Villa Merkel