30/04/18

Alphabet der Gegenwart

Die Münchner Sammlung Goetz startet zu ihrem 25-jährigen Jubiläum eine Reihe mit Werken zeitgenössischer Künstlerinnen

von Roberta De Righi
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Katharina Grosse, o.T. 2009, © Katharina Grosse, VG BILD-KUNST Bonn, 2018, Courtesy Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien, Foto: Hans-Georg Gaul, Courtesy Sammlung Goetz, München
Dass der weibliche Blick der Bildenden Kunst unbedingt gut tut und noch einige tote Winkel des musealen Mainstream auszuleuchten hat, zeigt eine aktuelle Schau in der Münchner Sammlung Goetz. Zwar haben sich die Frauen längst vom passiven Part des Modells in die Rolle der Schöpferin gekämpft, doch wird auch die Gegenwartskunst noch von männlichen Kollegen dominiert. Viele inhaltlich starke und ästhetisch eindrucksvolle Werke von Frauen sind jetzt im Museums-Schrein von Herzog & de Meuron zu sehen. Sie bilden den Auftakt der dreiteiligen Ausstellung „Generations – Künstlerinnen im Dialog“, mit der Ingvild Goetz und ihr Team das 25-jährige Bestehen der Kollektion feiern und insgesamt rund 200 Werke von mehr als 40 Künstlerinnen aus drei Generationen zeigen.

„Missbrauch von Macht ist keine Überraschung“. „Furcht oder Hass können eine nützliche motivierende Kraft sein”. Nein, Jenny Holzers radikal nüchterne und provokante „Truisms”, die jetzt in „Generations“ wieder über LED-Display laufen, sind kein aktueller Kommentar zur „MeToo”-Debatte, sondern sind von 1983/84. Mehr als ein Drittel der Sammlungsbestände von Ingvild Goetz stammen von Künstlerinnen, im Vergleich zu vielen anderen Kollektionen ist das eine hohe Quote. Das sei aber kein politisches „Statement“, sagt Goetz, sie habe einfach gesammelt, was sie thematisch interessierte. 2014 schenkte sie dem Freistaat Bayern 375 Werke der Medienkunst sowie das Sammlungsgebäude und stellt ihre rund 5000 Werke umfassenden Bestände drei staatlichen Museen in München und Nürnberg als Dauerleihgabe zur Verfügung.

Zu sehen sind jetzt unter anderem die Textil-Bilder und eine „Lobby“ aus Keramik von Rosemarie Trockel, die in als „weiblich“ geltender Technik und entsprechendem Material die Minimal Art persiflieren, sowie Andrea Zittels multifunktionale Heimtextilien („A to Z Personal Panels“). Beide Künstlerinnen zeichnen sich durch pointierten Pragmatismus aus.

Auch ansonsten wird das Alltägliche hier kunstwürdig: Neben Jessica Stockholders bewusst trashigen Assemblagen wirken die Wand-Gobelins von Pae White umso wertvoller. Sie zeigen Trivial-Stillleben mit Zeitungsfragmenten, ausgestreuten Süßigkeiten und Bling-Bling-Schmuck, aber das in einer derart aufwändigen, handwerklich bestechenden Webtechnik, dass man sich nicht sattsehen kann. Den weiblichen Körper zum Sujet macht Pipilotti Rist, unter anderem in „Blutraum“ von 1992/1998, einer ihrer tabubefreiten, poetisch-sinnlichen Video-Installationen. Und Yayoi Kusama arbeitet sich, allerdings plastisch, am Körperlich-Konkreten ab: Ihre Multi-Phalli und obsessiven Polka-Dots dürfen sich in einem eigenen Raum ausbreiten, flankiert von Collagen voller schillernder Meereswesen. Ornamental und zugleich tiefgründig wirken Rebecca Morris‘ kleinformatige Papierarbeiten; ebenso vielschichtig – allerdings dynamischer – weitet sich der Bildraum in Katharina Grosses Sprühfarben-Tableaux. Fast kalligrafisch wohlgesetzt und plakativ ist die Abstraktion bei Carla Accardi, einer der Malerinnen der italienischen Avantgarde. Und eine echte Wiederentdeckung ist die einstige Nonne Sister Mary Corita Kent: Sie verwandelte christliche Botschaften und Slogans der US-Bürgerrechtsbewegung in poppig schillernde, schlafwandlerisch stilsicher komponierte Schriftbilder.

Jüngere Künstlerinnen nehmen den Faden auf und weben formal und inhaltlich neue Aspekte mit ein: Paulina Olowska etwa deckt in ihren realistischen Gemälden die Widersprüche der Konsumkultur auf. Und bei Lucy Dodd wird die Bildgestaltung im Wortsinn zum organischen Prozess: Sie trägt auch Pilze und Flechten auf die Leinwand auf und lässt sie im Monumentalformat (Titel: „Butterfly“) für sich arbeiten. Das Ergebnis sind gegenstandslose Bildwelten von kosmischer Tiefe.      


Generations – Künstlerinnen im Dialog.
Sammlung Goetz
Oberföhringer Str. 103, München.
Öffnungszeiten: Donnerstag bis Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr, Samstag 11.00 bis 16.00 Uhr.
Part 1 bis 13. Juli 2018.
Part 2: 29. Juni 2018 bis 27. Januar 2019 im
Haus der Kunst, München
Part 3: 13. September bis 15. Dezember 2018 in der Sammlung Goetz.

 

 

 




Sammlung Goetz