28/04/18

Rot macht high

Rupprecht Geiger widmete sich ein Leben lang der Farbe. Zu erleben sind seine Bilder in einer Retrospektive im Schauwerk Sindelfingen

von Birgit Wiesenhütter

geiger1.jpg

Archiv Geiger, München; Brasilia (XXV. Bienal de São Paulo), 2001, SCHAUWERK Sindelfingen, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart


Nicht nur Pink, Rot vor allem aber auch Gelb und Blau in vielen möglichen Abstufungen leuchten dem Besucher im Schauwerk Sindelfingen in abstrakten Formen entgegen. „PINC kommt!“ heißt die den Arbeiten des Malers Rupprecht Geiger (1908-2009) gewidmete Ausstellung und bezieht sich dabei auf den Titel eines großformatigen monochrom pinkfarbenen Gemäldes des Künstlers von 1995 – ein Statement für die Farbe. In seinem über hundert Jahre langen Leben hat Geiger seine Kunst der Farbe verschrieben – besonders der Farbe Rot in allen Nuancen.

Die in Zusammenarbeit mit dem Archiv Geiger entstandene Ausstellung ermöglicht dem Besucher, nicht nur die leuchtstarken abstrakten und weithin bekannten Arbeiten des Malers zu sehen, sondern gibt auch Einblick in seine Anfänge. Geiger, der zunächst Architektur studierte, war als Maler Autodidakt. Seine ersten Gemälde entstehen erst 1942 während des Zweiten Weltkrieges als Soldat an der Ostfront. „Wjasma“ und „Ohne Titel (Landschaft)“ zeigen die kriegszerstörte weite Landschaft Russlands unter einem spektakulären Himmel, der in Gelb, Rot und Blau leuchtet. „In der traurigen Düsternis des Kriegsgeschehens wird das Rot, der leuchtende Abendhimmel ein hoffnungsvolles Fanal“, schreibt er 1941 in einem Tagebucheintrag. Tatsächlich manifestiert sich bereits in diesen Frühwerken Geigers Interesse für die Farbe und deren energiegeladene Ausdruckskraft. Das wichtigste gestalterische Prinzip ist hier wie auch in den späteren abstrakten Bildern die Farbmodulation.

geiger2.jpg

Rupprecht Geiger, E 190a, 1953 (l.), Archiv Geiger, München, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Andreas Pauly, München
Geigers lebenslange Beschäftigung mit der Farbe kann in der Ausstellung entlang entscheidender Schritte seines Schaffensprozesses nachvollzogen werden. Mit Bildformaten ohne rechten Winkel brach Geiger 1948 die seit der Renaissance etablierte Vorstellung eines Bildes als Fensterausblick auf. Die Bildform sollte der Farbdynamik nachgeben und den Eindruck einer Landschaft umgehen. Als Gründungsmitglied der Künstlergruppe Zen 49 drückt sich der erklärte Wille aus, abstrakte Formen als neue Weltsprache zu etablieren und eine spirituelle Ebene der Kunst zu propagieren.

Eine wesentliche Veränderung erfahren die Arbeiten Geigers mit dem Einsatz von Tagesleuchtpigmenten. „E190a“ von 1953 ist das Initiationsbild hin zur Verwendung von Neonfarben. In einem Care-Paket aus Amerika fand Geiger einen pinkfarbenen Lippenstift – mit ihm malte er den heute zu Weiß verblassten gebogenen Strich im Bild. Ab 1965, dem Jahr, in dem er eine Professur in Düsseldorf erhält, nutzt Geiger ausschließlich Tagesleuchtpigmente und steigert mit der künstlichen, fluoreszierenden Farbe die Strahlkraft seiner Gemälde. Im selben Jahr beginnt er mit dem Einsatz einer Spritzpistole für den Farbauftrag. Mit der gleichmäßigen Aufbringung der Farbe in feinsten Abstufungen und der Eliminierung des Pinselstriches schafft Geiger eine Entmaterialisierung der Farbe. Seine Bilder dieser Zeit zeigen Kreisformen, die wie schwebende Gestirne anmuten. Es sind Bilder, deren eigentliches Thema die Immaterialität und die Energie der reinen Farbe ist. Kontrastphänomene und Modulation aktivieren in Geigers Arbeiten die Farbe, bringen sie zum Vibrieren, setzen ihre Energie frei. Besondere Bedeutung hatte für den Künstler die Farbe Rot: „Rot ist Leben, Energie, Potenz, Macht, Liebe, Wärme, Kraft. Rot macht high“, äußert sich Geiger 1975 in „Farbe ist Element“.

Um dem Betrachter zu ermöglichen, Farbenergie regelrecht zu tanken, konzipierte Geiger begehbare Farbräume in Skizzen und Modellen. Manche hat er realisiert. Im Schauwerk können die Besucher Farbenergie nicht zuletzt in der großen Installation „Rote Trombe“ tanken, die Geiger zusammen mit seinem Sohn Florian 1985 realisiert hat, einem nach oben hin offenen, trompetenförmigen, schwebenden Zelt, unter dem man stehen, liegen, meditieren und eben Farbe tanken kann. Das Licht fällt durch den magentafarbenen Stoff und umfängt den Besucher. Geigers Konzept, das er auch im hohen Alter konsequent weiter entwickelte, geht auf, und kann im Schauwerk hautnah erlebt werden.  

 

Rupprecht Geiger: PINC kommt! Retrospektive.
Schauwerk Sindelfingen
Eschenbrünnlestr. 15/1, Sindelfingen.
Öffnungszeiten: Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 16. September 2018.

 

 

 





Schauwerk Sindelfingen