25/04/18

Der Künstler als kreative Quelle

Das Schaulager in Basel widmet dem US-amerikanischen Künstler Bruce Nauman eine beeindruckende Retrospektive

von Yvonne Ziegler
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Bruce Nauman, Seven Wax Templates of the Left Half of my Body Spread over 12 Feet, 1967, Emanuel Hoffmann-Stiftung, Depositum in der Öffentlichen Kunstsammlung Basel, © Bruce Nauman / 2017, ProLitteris, Zurich, Foto: Öffentliche Kunstsammlung Basel, Martin P. Bühler
Bruce Nauman (*1941) zählt zu den wichtigsten Künstlern unserer Zeit. Eine Retrospektive des US-Amerikaners im Schaulager vermag es, auf leichtfüßige Art und Weise zentrale Anliegen, rote Fäden und spannende Werkfindungen aufzuzeigen. Dass er zunächst Musik, Mathematik und Physik studierte, bevor er 1966 ein Masterstudium in bildender Kunst absolvierte, ist für die Betrachtung der medial zunächst sehr unterschiedlich wirkenden Werke erhellend. Nauman widmete sich nicht nur industriellen Materialien wie Latexgummi, Polyesterharz oder Neonröhren, er griff auch früh technologische Entwicklungen wie Video und 3D-Filme in seinen Arbeiten auf, die sich im Wesentlichen mit Körper, Raum und Ton befassen. Insbesondere in den 1980er und 1990er Jahren nahm er zu gesellschaftlichen Themen Stellung, setzte sich mit Rassismus, Gewalt und Sex auseinander, mit Gut und Böse und Mensch und Tier.

Den Auftakt im Schaulager bildet die Arbeit „Venice Fontains“ von 2007, die aus zwei Plastikwaschbecken besteht, in die aus Abdrucken von Naumans Kopf Wasser plätschert. Zusammen mit der im ersten Raum präsentierten frühen Arbeit „Myself as a Marble Fountain“, einer Farbfotografie des Wasser speienden Künstlers und der im Untergeschoss zu sehenden Brunnenarbeit „Three Heads Fountain“ verweist sie auf Naumans Reflexion der Künstlerrolle als kreative Quelle. Bereits zu Studienzeiten steht die Frage, was Kunst ist, was für Kunst verwendet werden darf, wie Kunst zur Kunst wird und was einen Künstler ausmacht im Zentrum seines Werkes. Nauman lotet Grenzen aus, wenn er den Raum zwischen Gegenständen mit Fiberglas ausgießt, sich im leeren Atelier einfachen Regeln unterwirft, um sein Verhältnis zum Raum zu erkunden, oder den eigenen Körper vermisst. Nicht nur das handwerkliche Können und die Vorstellungskraft des Künstlers sind notwendig, um Kunst zu schaffen, der ganze Leib steht als Material zur Verfügung. So versucht Nauman mittels Doppelbelichtung seinen vom Stuhl fallenden Körper festzuhalten, drückt seine Knie in Wachs oder läuft in einer Kontrapostgangart in einem eigens gebauten schmalen Korridor. Hierbei spielen physikalisch-ästhetische Probleme wie Schwerkraft und Proportion eine Rolle. Auch Sprache wird zum Material, wenn Nauman in einem von einer schwachen Glühbirne erhellten Raum in unterschiedlichen Tonlagen, Rhythmen und Sprechweisen ununterbrochen fordert: „Get out of my mind. Get out of this room“. Mit zunehmender Sicherheit im eigenen Tun, wirft Nauman den Blick nach außen auf gesellschaftliche Missstände und bezieht den Betrachter gezielt ein. In einer Korridor-Installation etwa begegnet man sich selbst von hinten, fühlt sich von einer Kamera überwacht und in einem visuell nicht einholbaren System gefangen. Im Erdgeschoss kann man gar einen engen Gang zwischen zwei ineinander gestellten Käfigen betreten. Neben solchen Versuchsanordnungen sind mehrere Neonarbeiten zu sehen, die sich nicht nur durch Wortspiele, Sexual- und Todesakte, Überblendungen und knallige Farben, sondern auch durch komplexe Abläufe des An- und Ausschaltens auszeichnen. Schematisch skizzierte Menschen sind in einem Sexorgienloop gefangen, während sich die Worte Violins, Violence und Silence fortlaufend überlagern. Besonders ins Auge springen die großen Installationen, bei denen an einer mobileähnlichen Struktur fehlerhafte farbige Stühle und Tierkörper aus Plastik schweben, Rassismus und Ausbeutung anprangernd.

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Bruce Nauman, Sex and Death by Murder and Suicide, 1985, Foto: Tom Bisig, © Bruce Nauman / 2017, ProLitteris, Zurich
Immer wieder kehrt Nauman zu seinen Ursprüngen im leeren Atelier zurück: Gipshände, die statt Finger nur Daumen besitzen oder eine farbige Videoarbeit des ausgeräumten Studios, in dem ab und an Mäuse und Nachtfalter erscheinen. Und schließlich endet der Rundgang mit neuen Arbeiten, die eine frühe Filmperformance aufnehmen. Wiederum geht Nauman mit hinter dem Kopf verschränkten Armen in Kontrapostgangart. Jedoch sind die verschieden Aufnahmen von vorne, hinten und der Seite nun technisch sequenziert und in Streifen geschnitten oder in 3D-Optik und Splittscreens gepresst worden, sodass ein fantastisches vielstimmiges Echo von Richtungswechseln entsteht. Alles beginnt und endet mit der Gestalt des Künstlers. 

 

Bruce Nauman: Disappearing Acts.
Schaulager
Ruchfeldstr. 19, Basel-Münchenstein.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 26. August 2018.

 

Am 1. und 2. Juni 2018 findet im Schaulager eine internationale Tagung zu Bruce Nauman statt, an der unter anderem Beatrice von Bismarck, Sabeth Buchmann und Robert Storr teilenehmen. Weitere Infos unter Schaulager, Anmeldung bis zum 30. Mai 2018.

 

 




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