09/05/18

Slave to the Rhythm

Das Vitra Design Museum macht sich mit der Ausstellung „Night Fever“ auf die Suche nach dem Rausch der Nacht

von Annette Hoffmann

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Nachtclub Les Bains Douches, Paris, 1990er Jahre, Gestaltung: Philippe Starck, © Foc Kan
Das Gesamtkunstwerk findet dort statt, wo man es nicht erwartet. Wer einen Club entwirft, gestaltet nicht nur einen Ort mit eigenem Profil zum Feiern und Tanzen, sondern auch einen Raum der Entgrenzung. Dem Rhythmus entgeht niemand. Etwas davon lässt sich derzeit in der Ausstellung „Night Fever. Design und Clubkultur 1960 bis heute“ im Vitra Design Museum nachempfinden. Konstantin Grcic und Matthias Singer haben eine Installation entworfen, die wie eine Bühne konzipiert ist. Über die Kopfhörer kann man in die verschiedenen Stile von Clubmusik hineinhören und schaut dabei auf die Lichteffekte der verspiegelten Wände.

Der Titel der Weiler Schau vermeidet das Wort Disco und zitiert stattdessen den bekannten Bee Gees-Hit. In der Ausstellung sieht man in einem Filmausschnitt John Travolta in „Saturday Night Fever“ die Tanzfläche beherrschen. Die Figur Tony Manero ist ein Selbstdarsteller, der einmal in der Woche seinem Alltag entflieht: durchtrainiert, gestylt und alles andere als hüftsteif. Man muss sich nur umdrehen, um eine kurze Sequenz aus der „Disco Demolition Night“ zu sehen, die am 2. Juli 1979 im Chicagoer Comiskey Park stattfand. Zwei Jahre nach dem Film, der der Discobewegung und der Kommerzialisierung der Musik solch einen Auftrieb gab. Der Radiomoderator Steve Dahl, der den neuen Trend nicht mitmachen wollte und seinen Job verlor, hatte angekündigt, eine Kiste mit Disco-Platten in die Luft zu sprengen. Der Zuschauerandrang im Baseballstadion war größer als erwartet, der Schaden auch. Später warf man Dahl Rassismus vor. Wer was hört, ist nicht allein eine Frage des individuellen Geschmacks, sondern auch der sozialen und ethnischen Herkunft.

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Chen Wei, In the Waves #1, 2013 (l.), © Chen Wei, Courtesy LEO XU PROJECTS, Shanghai
Das Nachtleben ist in den 1960er Jahren ein selbstverständlicher Teil der Freizeit- und Konsumgesellschaft. Die Ursprünge liegen in Italien. Zu den ersten Clubs gehörte das 1969 gegründete und von der Gruppe UFO konzipierte Bamba Issa im Badeort Forte dei Marmi. Jeden Sommer wurde er neu dekoriert, so als ginge man nicht zwei Mal in den gleichen Club. Der New Yorker Mudd Club hingegen zog einen nicht geringen Teil seiner Attraktivität aus der Zusammenarbeit mit Künstlern wie Keith Harring, Andy Warhol und Jean-Michel Basquiat. Die Architekten und Designer schufen Erlebniswelten. Im Münchner Yellow Submarine gab es Anfang der 1970er Jahre ein Haifischbecken, das Le Drug in Montreal der 60er Jahre sah klinisch weiß aus und sein Logo hätte auch gut auf eine Pille gepasst.

Wie sehr Clubkultur mit Urbanismus zu tun hat, veranschaulichen die Beispiele. Der erste Techno-Club Berlins, der „Tresor“, wurde im Osten der Stadt, am Leipziger Platz eröffnet. Teile der Leipziger Straße gehörten zum Todesstreifen. Die ehemaligen Schließfächer vom Tresor des Kaufhauses Wertheim erinnern nun in der Ausstellung an die frühere Funktion des Ortes. In Chicago entstanden die ersten House-Clubs in Lagerhallen. Die Subkultur war auf der Suche nach Räumen, die noch nicht – oder nicht mehr – besetzt waren. Ehemalige Theater und Kinos wurden umgebaut. Auch das Haçienda in Manchester wurde als einer der ersten House-Clubs in Europa 1982 in einem alten Lagerhaus gegründet, es sollte dort bis 1997 existieren. Der Club, der vom Label Factory Records und der Band New Order finanziert wurde, litt immer wieder unter Geldproblemen und Ärger mit der Nachbarschaft. Drogen riefen die Polizei auf den Plan. Beinahe schon rührend klingt da die Botschaft eines Flugblattes an die Besucher, dass der Club vor allem ein Ort, an dem zur wichtigsten aktuellen Musik getanzt wird, sein sollte. Die Macher des Haçienda selbst waren ausgezeichnete Vermarkter, Adidas gab eine limitierte Edition eines Sneakers heraus mit der charakteristischen Hellblau-Orange-Schwarz-Kombination, die die Halle bestimmte.

Heute schließen viele Clubs, weil ihre Betreiber die Mieten nicht mehr aufbringen können. Im Vitra Design Museum zeigt sich, dass auch bei Clubs vieles zu einer mobilen Architektur hin geht.


Night Fever. Design und Clubkultur 1960 bis heute.
Vitra Design Museum
Charles-Eames-Str. 2, Weil.
Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 9. September 2018.

 

 

 




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