02/05/18

Weiße Berglandschaften

Die Ausstellung „Altered States” im Kunstpalais Erlangen setzt sich mit bewusstseins- und körperverändernden Substanzen auseinander

von Nora Gantert

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Cassils, Fast Twitch/Slow Twitch, 2011, Videostill, courtesy the artist & Ronald Geldman Gallery, New York


In der Kunst spielen gerade bewusstseinsverändernde Substanzen eine wichtige Rolle. Der direkte Zugang zu Emotion, die erhoffte Inspiration durch Rausch, gilt per se als Trigger für Kreativität. Doch die Ausstellung „Altered States“ kuratiert von Milena Mercer beschränkt sich nicht auf die Betrachtung von Selbstversuchen mit (Party-)Drogen, sondern öffnet das Thema über Selbstoptimierung durch Hormontherapien bis hin zu Drogenhandel und Pharmaindustrie. Starke Einzelpositionen bilden ein breites Spektrum, dessen Teilbereiche eine tiefergehende Betrachtung fordern.

„El Capital. The Commodity. The Drug“ (2015) von Daniel García Andújar begrüßt die Besucherinnen und Besucher mit einer Wand von 514 Fotografien, die der Künstler im Darknet gesammelt hat. Es handelt sich um Werbebilder, um Verkaufsangebote verbotener Substanzen, von Cannabis bis zu Chrystal Meth. Die schiere Masse macht deren Verfügbarkeit bewusst und fragt so nach der Bedeutung von Legalität und Illegalität. Suzanne Treister hingegen erzählt in ihrer romanhaft-komplexen Arbeit „HFT The Gardener“ (2014-15) die Geschichte des fiktiven Charakters HFT, der sich mit der Sammlung von psychoaktiven Pflanzen beschäftigt. Die Geschichte des Hochfrequenzhändlers an der Londoner Börse, der seine Auseinandersetzung mit halluzinogenen Pflanzen beginnt, als er die ästhetischen Qualitäten der Kurven und Muster seiner Diagramme betrachtet, verweist aber auch auf andere Drogen unserer Zeit: Macht und Geld.

Während sich Joachim Koester in seiner unaufgeregten Fotoarbeit „The Morning of the Magicians“ von 2016 auf die Suche nach der Abtei von Thélema macht, in der sich Alistair Crowley 1920 mit seinen Adepten auf Sizilien niederließ. Die Fotos zeigen überwucherte Ruinen, Überreste des „Raums der Alpträume“, der, obgleich mit Graffiti übermalt, noch immer den Geist der okkulten Gemeinschaft um den britischen Esoteriker und Bergsteiger Crowley atmet, der mit Sex und Drogen experimentierte. Ergänzt werden die Bilder um einen lesenswerten dreiseitigen Text von Koester, der im Ausstellungsraum ausliegt. Die Arbeit wirft ein Schlaglicht auf die Nutzung psychoaktiver Substanzen zur Kontrolle und Beeinflussung Dritter und öffnet das Thema in die Richtung religiös verbrämter okkulter Gemeinschaften.

Der Einsatz von Drogen zur Beeinflussung und Optimierung im militärischen Bereich, klingt in Joanna Rajkowskas Arbeit „Painkillers II“ (2015) an. Auf minimalistischen schwarzen Metallgestellen stehen, wie bei einer Verkaufsschau präsentiert, schneeweiße Waffen. Die Replikate, aus pulverisierten Schmerzmitteln und Polyurethanharz gegossen, bilden die Synthese aus Schmerz­induktion und ‑reduktion und könnten auf die Bekämpfung von Drogenhandel mit Waffengewalt ebenso verweisen, wie auf die Verbindung von Pharma- und Waffenindustrie in ihrer militärischen Nutzung.

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Thomas Rentmeister, o.T., 2007, Ausstellungsansicht Haus am Waldsee, Berlin, © VG-Bild-Kunst, Bonn 2018, Foto: Bernhard Borchardt


Große weiße Zuckerhügel erheben sich dann im Untergeschoss, ein Einkaufswagen steckt im süßen, weißen Gold. Die visuell einprägsame Arbeit von Thomas Rentmeister verkehrt die Logik von Carsten Höllers Arbeit „Pill Clock“ (2015) im Erdgeschoss und bildet so den kuratorischen Zirkelschluss. Beide bieten uns Substanzen im Überfluss, eine Flut, die die Konsumentinnen und Konsumenten mitzureißen droht. Während Höller jedoch unseren Widerwillen provoziert, indem er uns eine unbekannte Substanz in Pillenform anbietet, führt Rennmeister uns eine Substanz vor Augen, um deren Schädlichkeit wir alle wissen, die süchtig macht, und die wir trotzdem jeden Tag zu uns nehmen.

Die Ausstellung zeigt die Diversität der Funktionen von Substanzen in der gegenwärtigen Gesellschaft, zwischen Selbstoptimierung und Selbstaufgabe, Medizin und Ritual und lässt die Möglichkeit zur Vertiefung.     

 

Altered States – Substanzen in der zeitgenössischen Kunst.
Kunstpalais Erlangen
Marktplatz 1, Erlangen.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 21. Mai 2018.

 

 

 

 

 

 




Kunstpalais Erlangen