07/05/18

Das endlose Knie

Die Bildhauerin Lena Henke vernetzt ihre attraktiven Skulpturen in der Kunsthalle Zürich mit Raum, Publikum, Geschichte und Familie

von Dietrich Roeschmann

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Lena Henke, An Idea of Late German Sculpture; To the People of New York, 2018, Ausstellungsansicht Kunsthalle Zürich, Foto: Gunnar Meier


Klack! Hrrrmmm! Mit einem sonoren Initialbrummen setzt sich in der Kunsthalle Zürich der Boden in Bewegung. So sieht es jedenfalls im ersten Moment aus. Tatsächlich besteht die hellgraue Fläche, die zwei in den Wänden installierte Seilwinden hier in regelmäßigen Intervallen über den Beton ziehen, aus Zehntausenden von Aluminiumringen, verwoben zu einem gut 70 Quadratmeter großen Ringpanzer. Die ständige Bewegung, das Schleifen über den Boden und die permanenten Richtungswechsel haben dem schweren Metallgewebe inzwischen arg zugesetzt. Immer wieder klaffen große Löcher in den Ketten, die notdürftig mit gelber Schnur geflickt wurden. Aufgeplatzte Aluringe liegen im Raum verstreut oder tanzen in den zerfledderten Enden des Teppichs wie Treibgut, das Wellen an den Strand werfen, um es kurz darauf wieder wegzuspülen. „Vulnerable in the Moment of Control” hat die in New York lebende Künstlerin Lena Henke diese Arbeiit betitelt, die im Zentrum ihrer aktuellen Soloschau in der Kunsthalle Zürich steht. Man kann darin eine Rüstung im Prozess ihrer Auflösung sehen, ein bewegtes Bild gegensätzlicher Zustände von Schutz und Gefangenschaft, Stärke und Trägheit, Wehrhaftigkeit und Verletzlichkeit.

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Lena Henke, An Idea of Late German Sculpture; To the People of New York, 2018, Ausstellungsansicht Kunsthalle Zürich, Foto: Gunnar Meier


Seit langem interessiert sich die 35-Jährige, die an der Frankfurter Städelschule studierte, für die Paradoxien in der Beziehung von Skulptur, Raum, Betrachter und Geschichte. Zuletzt etwa realisierte sie in der Frankfurter Schirn eine Installation aus mannshohen Aluskulpturen, die nur von der mit tonnenweise Sand ausgelegten Galerie der gläsernen Rotunde aus als überdimensionales Augenpaar zu erkennen waren. Trat man für einen Blick auf dieses Werk an die Fenster, rieselte unweigerlich der Sand unter den eigenen Füßen auf Henkes Skulpturen – und in die Augen der Betrachter im Erdgeschoss. In Zürich entführt sie ihr Publikum nun erneut in die verwinkelten Flure zwischen Bühne und Backstage-Bereich der Bildhauerei. Dafür hat sie die weitläufige Halle mit einer schlichten Wand in zwei Räume geteilt. Während in der hinteren Hälfte regelmäßig das Kettenhemd seiner sukzessiven Demontage entgegen rasselt, ruhen in der vorderen Hälfte drei voluminöse Objekte neben ihren identischen Doppelgängern. Das auffälligste ist ein giftgrünes, menschengroßes, eng ineinander verschlungenes Kugelobjekt mit dem Titel „Ayse Erkmen’s Endless Knee”. Dass die Form tatsächlich als Verknotung zweier Knie identifizierbar ist, die das Geschlecht schützen und sich so jedem einseitigen, mit Macht gepaarten Begehren verweigern, macht Henkes Hommage an die türkische Bildhauerin zugleich zu einem klugen, humorvollen Zeichen der Selbstermächtigung, das hier mal am Boden ruht, mal in einem Hochregal äußerst präsent über den Köpfen der Besucher thront. Auch die beiden anderen Fiberglas-Formen – wie das endlose Knie mit buntem Gummigranulat überzogen, wie es für Sportplatzbeläge verwendet wird – legen Fährten in die Kunst- und Architekturgeschichte. „Aldo Rossi’s Sleeping Elephant” erweist sich so als niedlicher Hybrid aus Sandburg, Tierskulptur und Architekturelement, berechnet nach Lena Henkes Körpergröße mithilfe von Le Corbusiers „Modulor”. Dem legendären New Yorker Stadtplaner Robert Moses widmet die Künstlerin dagegen eine grau-schwarze Insel, die hier – ebenfalls im Doppelpack – wie ein aus dreckigem Schaum geformter Pferdefuß aus dem Boden wächst. Moses’ Modernisierung New Yorks war in den 1930er Jahren mit der Zerstörung ganzer Nachbarschaften und der Abkopplung schwarzer und puerto-ricanischer Communitys von Downtown Manhattan einhergegangen.

Für die zweite Werkgruppe, die in dieser kurzweiligen, hintergründigen, wunderbar verschachtelten Soloschau zu sehen ist, arrangierte Lena Henke in einem postmodern-surrealen Ausstellungsdisplay auf der Rückseite der Trennwand acht grellviolette Abgüsse bekannter modernistischer Porträt­skulpturen nach dem Modell der Familienaufstellung des umstrittenen Psychodrama-Gurus Bert Hellinger. Von der Wand im De-Chirico-Look blicken „Mom (after Henri Laurens)”, „Myself (after Henri Matisse)”, „Dad (after Jacques Lipchitz)” usw. Nicht die schlechteste Art, Kunstgeschichte persönlich zu nehmen.     

 

Lena Henke: An Idea of Late German Sculpture; To the People of New York.
Kunsthalle Zürich
Limmatstr. 270, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 13. Mai 2018.


 




Kunsthalle Zürich